von Rebecca Wegmann

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22. Februar 2024

Einige Jahre nach dem Mauerfall fahren eine Deutsche, eine Russin und eine Israelin gemeinsam in die ehemalige Garnisonsstadt Terezín in Tschechien. Am Ende der 1990er-Jahre bringt die Faszination für einen Mann die drei Frauen zusammen: Ihr Interesse gilt dem tschechischen Kabarettisten Karel Švenk. Von 1941 bis 1944 war Švenk im von den Nationalsozialisten „Theresienstadt“ genannten Konzentrationslager interniert. Dorthin fahren die Frauen mehr als ein halbes Jahrhundert nach der Befreiung des Konzentrationslagers. In einer Postwende-Gegenwart wollen sie dem Leben und Wirken des Häftlings Švenk nachgehen. Ihre Reise ist eine Spurensuche, die der Film „Diese Tage in Terezín“ (1997) dokumentiert. Während einer langen Kamerafahrt durch die tschechische Kleinstadt berichtet die Deutsche, Sibylle Schönemann, aus dem Off über das Vorhaben: „Wir kamen zu dritt nach Terezín. In die tschechische Kleinstadt auf deren Ortseingangsschildern einmal stand »Jüdisches Siedlungsgebiet – stehen bleiben verboten«. Als ich das erste Mal nach Terezín kam, war ich noch ein kleines Mädchen und wir kamen aus dem Urlaub. Eine normale ostdeutsche Familie auf dem Weg von Prag nach Berlin. Ein Ghetto sei hier einmal gewesen, sagten meine Eltern. Wir passierten Terezín damals in wenigen Minuten, wir hielten nicht an.“ Nun will die deutsche Regisseurin zusammen mit Victoria Hanna Gabbay und Lena Makarova am Ort des Verbrechens innehalten.

 

Sibylle Schönemann – Eine deutsche Regisseurin und ihre Lebensgeschichte

Sibylle Schönemann ist nicht nur die Erzählerin dieser Filmreise, sondern auch die Regisseurin der Dokumentation über das ehemalige Konzentrationslager. Nur wenige Monate vor ihrer Geburt 1953 kommt es in der Deutschen Demokratischen Republik zum Volksaufstand. Schönemann wächst in der Nachkriegszeit in Ost-Berlin auf und beginnt nach dem Abitur in den 1970ern-Jahren ein Regie-Studium an der Hochschule für Film und Fernsehen. In den 1980er-Jahren arbeitet sie als Dramaturgin und Regisseurin im Studio für Spielfilme der Deutschen Film AG (DEFA). Zunehmend werden ihre Projekte abgelehnt. Deshalb beantragt sie gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem DEFA-Regisseur Hannes Schönemann, die Ausreise in den Westen. Wegen dieses Antrags wird das Ehepaar 1984 von Mitarbeitern des Ministeriums der Staatssicherheit (Stasi) verhaftet. Sie werfen Schönemann »Zersetzung« und »Beeinträchtigung staatlicher Tätigkeit« vor. Deshalb wird sie zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. 1985 wird Schönemann freigekauft und in die Bundesrepublik abgeschoben.

Filmstill aus Verriegelte Zeit. Regie: Sibylle Schönemann, Deutschland 1990. Quelle: Deutsche Kinemathek, © DEFA-Stiftung / Michael Löwenberg. Im Jahr 2019 war der Film Teil des Programms der Berlinale-Retrospektive.

Im Frühjahr und Sommer 1990 kehrt sie mit einem Filmteam an die Orte ihrer Gefangenschaft zurück. Schönemann sucht nach Antworten, sie befragt Menschen, die mit ihrer Verurteilung zu tun hatten, Richter, Stasi-Mitarbeiter, Gefängniswärter, aber auch ehemalige Mitgefangene. Durch filmische Spurensuche versucht sie diese traumatische Episode ihres Lebens zu bewältigen.[1] Die Erfahrung der Gefangenschaft verarbeitet sie in dem Film „Verriegelte Zeit“ (1990). Wenige Jahre später begibt sich Schönemann erneut auf eine Spurensuche in die deutsche Vergangenheit. Diesmal schlägt sie jedoch das Kapitel davor auf: die Shoah.

 

Verstehen und bewahren

Mehr als 50 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges reisen drei Frauen aus unterschiedlichen Gründen nach Terezín. Sie sind nach dem Krieg in verschiedene Gedächtnisgemeinschaften hineingeboren – die jüdische Opfergemeinschaft steht der deutschen Tätergesellschaft gegenüber. Was bringt sie zusammen? Anlass des Besuchs sind auch Fragen zur ihrer Identität. Die israelische Sängerin Victoria Hanna Gabbay erklärt eingangs stotternd, warum sie an dieser außergewöhnlichen Reise teilnimmt. In ihrer Kindheit in Israel sei sie oft mit schrecklichen Bildern und Lebensgeschichten der Shoah konfrontiert gewesen. “It is very hard to understand it. And it is very hard to identify with. For a sensitive child it is a big trauma to read all these terrible stories”, erklärt sie. Mit dieser Reise versucht sie zu verstehen. Eine persönliche Motivation treibt auch die russische Schriftstellerin Lena Makarova an: Schon vor ihrer Migration von Moskau nach Israel beginnt Makarova Schicksale von Menschen im Ghetto Theresienstadt zu recherchieren. Für eine Ausstellung über vergessene Künstler*innen aus dem Lager sammelt sie jahrelang Tagebücher, Zeichnungen, Noten und Fotos von Menschen, die in Theresienstadt inhaftiert waren. Sie beschreibt dies im Film als eine Art Obsession: „I collect all these things, not because I am an Archivist, but I think, there is something that I call immortality, and I myself am afraid of death horribly. And all the time I try to solve my own problem with collecting. And that’s why I came to this deathcamp because I want to understand how these things worked.” Sie bewahrt das materielle Vermächtnis der NS-Opfer, um ihrer eigenen Angst vor dem Tod entgegenzuwirken. Weiter erklärt sie: “For me Švenk is a person who gives me a feeling of immortality. (…) He had this incredible courage to smile to the face of death. Every day he faced death and then to make jokes…”

Filmstill: Die israelische Sängerin Victoria Hanna Gabbay sitzt im Gleisbett und schreibt einen Brief an Stephenson in „Diese Tage in Terezín“ (1997). Regie: Sibylle Schönemann, Deutschland, Tschechien. Sektion: Forum 2024. © ma.ja.de Filmproduktions GmbH.

Vermutlich lernen sich die drei Protagonistinnen des Films „Diese Tage in Terezin“ während einer Israel-Reise kennen. Ihre erste Begegnung bleibt unklar. Schönemann erzählt aus dem Off von einem Aufenthalt in Jerusalem, bei dem sie gemeinsam das von Makarova zusammengetragene Material sichten. Die Quellen ließen sie ahnen, dass Švenk eine besondere Art gehabt haben muss, die Menschen im Lager zu erreichen. „Wir waren nach Terezín gekommen, um herauszufinden, wie es Švenk gelingen konnte, seinem Publikum nicht nur für ein paar Stunden das Leben erträglicher zu machen, sondern die Menschen sogar zum Lachen zu bringen“, erklärt die Erzählerin. Švenks humoristische Art mit den Grausamkeiten im Lager umzugehen, weckt die Faszination der Frauen und auch der Zuschauer*innen. Wie ist das vereinbar? Schließlich vereint die Frauen der Traum einer Wiederaufführung von Švenks Kabaretts.

 

Karel Švenk – „Der Chaplin von Theresienstadt“

Im November 1941 ist der 1917 in Prag geborene Karel Švenk einer von über 300 jüdischen Männern, die als erster »Aufbautrupp« in das Konzentrationslager Terezín deportiert werden. Das Lager entstand kurz zuvor auf dem Stadtgelände in Terezín ein Konzentrationslager, nachdem die Nationalsozialisten das Gebiet der Tschechoslowakei um Theresienstadt annektieren und zum Protektorat Böhmen und Mähren erklären. Bereits in den 1930er-Jahren hatte sich Švenk unter anderem als Pianist des „Klub zapadlých talentů“ (Klub der verlorenen Talente) einen Namen in der tschechischen Theaterszene gemacht. Diese Berufung gibt der jüdische Bühnenkünstler auch nach seiner Deportation ins Lager keineswegs auf. Schnell avanciert Švenk zum gefeierten Komiker und Initiator des kulturellen Lebens im Lager. Wegen seiner humoristischen Inszenierungen nennen ihn die Insassen den „Chaplin von Theresienstadt“. Sein Werk ist heute nur fragmentiert überliefert. Schon im Frühjahr 1942 inszeniert er gemeinsam mit dem Komponisten Rafael Schächter regelmäßig Kabarettabende, darunter auch die Revue „Ztratila se menážkarta“ (Die verlorene Essensmarke, 1942). Auch sein Werk „Ať žije život“ (Es lebe das Leben, 1943) ist überliefert. Wenige Monate später steht er neben dem Puppenspieler Otto Neumann und der Tänzerin Kamilla Rosenbaumovà in einem von der SS in Auftrag gegebenen Propagandafilm über das Lagerleben vor der Kamera. Seine Revue „Poslední cyklista“ (Der letzte Radfahrer, 1944), in der schließlich auch Frauen auftreten. Doch sein bis heute berühmtestes Werk kommt nur bis zur Generalprobe. Der Jüdische Ältestenrat in Theresienstadt verbietet die Aufführung des antinazistischen Stückes. In den frühen 2000er-Jahren gelingt es der US-Dramatikerin Naomi Patz das Stück zu rekonstruieren. Seitdem ist es auf verschiedensten Bühnen in den USA inszeniert worden. Unter der Regie von Edward Einhorn entsteht 2022 der Film „The Last Cyclist“.

 

The Last Cyclist - Trailer from Edward Einhorn on Vimeo.

 

In der Sammlung finden die Frauen „einen Text von Švenk, in dem er auf satirische Weise einen Zusammenhang zwischen Stephensons Erfindung der Dampflok und den Transporten herstellt. Vielleicht war es für ein nächstes Kabarett gedacht, zu dem es nicht mehr kam“, vermutet die Erzählerin. Über ein halbes Jahrhundert später schreibt Victoria in Švenks Namen einen Brief an George Stephenson, den englischen Ingenieur und Hauptbegründer des Eisenbahnwesens. Die israelische Künstlerin sitzt mit dem Rücken zur Kamera im Gleisbett, vor ihr eine Schreibmaschine, die auf einem Koffer liegt. Links neben ihr steht ein paar Schuhe. Während die Israelin auf der Schreibmaschine tippt, spricht sie laut mit. Implizit schwingt in ihren Worten ein Vorwurf mit. „Without your invention, just try to imagine I would not be sent to this fascinating destination”, sagt sie tippend während die Kamera von ihr wegzoomt. Die Erfindung der Dampflok hat die NS-Massenvernichtungsmaschinerie erst möglich gemacht. Beinahe drei Jahre bleibt Švenk in Theresienstadt, dann er wird im Oktober 1944 nach Auschwitz deportiert. Wenige Wochen darauf kommt Švenk zur Zwangsarbeit in der Kriegsindustrie erst nach Meuselwitz, im April 1945 soll er in das Mauthausen deportiert werden. Während des Transports stirbt er an Erschöpfung. Auch seine Eltern und drei Geschwister werden von den Nationalsozialisten ermordet. Nur seine Schwester Ottilie überlebt die Shoah.

 

„Theresienstädter Marsch“ – Ein Lied, das Hoffnung stiftet

In diesen Tagen in Terezín sprechen die Frauen mit mehr als ein Dutzend Überlebenden des Lagers. Bruchstückhaft erinnern sich die Zeitzeug*innen an Švenk. Sie haben damals mit ihm zusammen musiziert und gesungen, mit ihm gesprochen oder haben als Zuschauer*innen seinen Vorstellungen auf der Bühne zugesehen. Eine von ihnen ist Manka Alter, als junge Frau überlebt sie Theresienstadt. Für den Film kehrt sie gemeinsam mit der Überlebenden Hanna Fialovà zurück nach Terezín. Das Filmteam um Schönemann begleitet die Überlebenden bei einem Spaziergang über das Gelände. Sensibel befragt Schönemann Fialovà und Alter über ihre Kontakte zu Švenk und ihr Überleben im Lager. „Hitler ist schon jahrelang tot, ich bin noch immer da“, resümiert Alter lachend.

Filmstill: Die Überlebende Manka Alter im Gespräch mit Sibylle Schönemann in „Diese Tage in Terezín“ (1997). Regie: Sibylle Schönemann, Deutschland, Tschechien. Sektion: Forum 2024. © ma.ja.de Filmproduktions GmbH.

Andere der befragten Überlebenden beschreiben Švenk besondere Art, die Menschen im Konzentrationslager mit seinen Darstellungen zu berühren. Aus ihren Antworten wird deutlich, Svenk nutzt Humor als Mittel, den Grausamkeiten etwas entgegenzusetzen, als Werkzeug der Selbstermächtigung. Stellvertretend für seine Formel Humor als Widerstand gegen die Nationalsozialisten steht auch seine Komposition „Terezínský pochod“ (Theresienstädter Marsch) oder „Viechno jde!“ (Alles geht!), die zur heimlichen Hymne von Theresienstadt wird. Fast alle Überlebenden in Schönemanns Film kennen das Lied. Wenn die israelische Sängerin beginnt die ersten Zeilen zu singen, stimmen sie mit ein. Der „Theresienstädter Marsch“, der an verschiedenen Abenden von Švenk inszeniert wird, handelt davon „der schrecklichen Zeit zum Trotz“ Humor im Herzen zu tragen. Unter den Insassen macht nicht nur der Liedtext Hoffnung auf eine bessere Zukunft: „Holla, morgen fängt das Leben an, mit ihm beginnt die Zeit, da wir unseren Lumpensack packen und nach Hause gehen. Alles geht, wer’s versteht, fasst euch an den Händen und seht, und wir lachen über die Ruinen des Ghettos“, lautet ein Teil des Refrains.[2] So ist ein Abend, bei dem die Überlebenden mit verschiedenen humoristischen Darstellungen auf der Bühne stehen und schließlich gemeinsam die Hymne von Theresienstadt singen, der emotionale Höhepunkt von Schönemanns Film. Ebenso wie in ihrem Film „Verriegelte Zeit“ begibt sich Schönemann auf eine Zeitreise, die auch immer wieder allgemeine Fragen an die deutsche Gedächtnisgemeinschaft aufwirft. „In diesen Tagen in Terezín musste ich mich manchmal fragen, ob es wirklich eine Gemeinsamkeit im Denken und Fühlen gab, die uns auf das Vorhaben zu dritt gebracht hat oder vielleicht nur den Reiz unserer sehr verschiedenen Wurzeln und Prägungen?“, fragt sich Schönemann zum Ende ihres Films. So zeigt „Diese Tage in Terezín“ wie Kunst und vor allem Musik über Generationen hinweg Erinnerung und Tradition weitertragen.

 

Diese Tage in TerezínRegie Sibylle Schönemann, Deutschland, Tschechien 1997. 
Programm der Sektion Forum auf der 74. Berlinale im Februar 2024 Datenblatt der Berlinale


[1] Vgl. Tatjana Turanskyj: Ohn/Machtverhältnisse nach der Wende. Über Sibylle Schönemanns VERRIEGELTE ZEIT (D 1990). In: selbstbestimmt. Perspektiven von Filmemacherinnen. Hrsg. von Karin Herbst-Meßlinger und Rainer Rother. Berlin 2019. S.196.
[2] Aus dem Gedächtnis von Zeitzeug*innen konnte das Lied schließlich rekonstruiert werden. Vgl. Jiří Holý: Tschechisch- und deutschsprachige Kultur in Theresienstadt. In: Schnittstelle Germanistik, Jahrgang 2 (2022), Ausgabe 1. S.47.