Gutbürgerlicher Revisionismus

Hellmut Diwalds Geschichte der Deutschen: Ein Bestseller der extremen Rechten aus dem Jahr 1978
Otto und sein Sohn Ludolf
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Otto und sein Sohn Ludolf von Ludwig Richter (1803–1884) - Bühlau, Friedrich (1862). Die deutsche Geschichte in Bildern (in German). p. PA62-IA1., Public Domain

Das Buch wirkt gediegen und wie gemacht für die Schrankwände aus rustikaler Eiche in den guten Stuben seines Publikums, worin es in sechsstelliger Auflage Einzug halten sollte: Hellmut Diwalds Geschichte der Deutschen, ein dicker Wälzer, nach Brockhaus-Manier mit reicher Bebilderung in Form von Marginalspalten ausgestattet.[1] Trotz dieses Kompendium-Charakters verspricht der Band einen ungewöhnlichen Zugang zu seinem Gegenstand, denn der Erlanger Professor erzählt die Historie rückwärts. Die Spaltung Deutschlands nach dem verlorenen Weltkrieg steht am Anfang, das deutsche Kaisertum von Otto I. (ab 962) am Ende der annähernd 750 Seiten des 1978 im konservativen Propyläen Verlag erschienenen Werks.[2] Auf den ersten Blick könnte Diwalds Anliegen damit einer Geschichtsbetrachtung im konservativen Sinne entsprechen. Er möchte "den Stempel derjenigen Etappen" freilegen, die "[u]nsere Existenz, unsere persönlichen und sozialen Bedingungen" (S. 17) ausmachen. Doch wird bald klar, dass das "gegenchronologische Verfahren" (S. 18) nicht sein Hauptanliegen bildet, sondern eher nur ein Mittel zum Zweck ist. Diwald hebt damit zwar die Bedeutung der jüngsten Vergangenheit besonders hervor – doch sein Umgang mit der Shoah erregte in liberalen, aber auch in konservativen Kreisen Anstoß, wurde dafür aber in der extremen Rechten als Durchbruch gefeiert.[3] Der Verlag sah sich schließlich genötigt, die diesbezüglichen Passagen für die Folgeauflagen überarbeiten zu lassen.

Diwald, der auch als Fernsehkommentator geschichtlicher Ereignisse auftrat, war ein wichtiger Akteur in der Grauzone zwischen dem etablierten Konservatismus in Gestalt der Union und der Vertriebenenverbände einerseits sowie geschichtsrevisionistischen Einrichtungen wie der Zeitgeschichtlichen Forschungsstelle Ingolstadt (ZFI) und dem Deutschlandrat der Republikaner andererseits.[4] Nach einem kurzen Blick auf die hier verwendete Terminologie zeige ich, inwiefern sich Diwalds Strategie einer revisionistischen Geschichtsschreibung, die der Schuldabwehr dient, von der Holocaustleugnung (Negationismus) unterscheidet. Den Überlegungen der Historikerin Deborah Lipstadts zur Verharmlosungsstrategie der "Vergangenheitsumwertung"[5] folgend, wie sie Diwald betreibt, kann hingegen argumentiert werden, dass beide Strategien in ihren wichtigsten Zielen übereinstimmen.

Sowohl Revisionist*innen als auch Negationist*innen machen ihren "Anspruch auf Deutungshoheit über die deutsche Geschichte" geltend, indem sie die nationalsozialistischen Verbrechen des Angriffskriegs und der Shoah abwehren und die Fiktion einer deutschen "Unschuld durch Nichtgewussthaben, durch Unbeteiligtsein" wiederherzustellen versuchen.[6] Dennoch lassen sich hierbei wichtige Differenzen feststellen. So vermitteln Revisionist*innen den Anschein "wissenschaftlicher Glaubwürdigkeit"[7] und Seriosität, indem sie sich einer scheinbar kritischen Methodik bedienen. Sie suggerieren, etablierte Annahmen durch neue Quellen und Einsichten in Frage zu stellen, obgleich sie nur "wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse durch ideologisch gefärbte Geschichtsbilder und Mythen"[8] ersetzen. Demgegenüber bestimmt sich der Negationismus hauptsächlich über seinen Gegenstand: die Leugnung des Holocausts – entweder generell als Tatsache, in seinem Ausmaß (vor allem hinsichtlich der Opferzahlen) oder in seinem geplanten und "systematische[n] Charakter".[9]

 

Gegen die „charakterliche Korrumpierung der Deutschen“

Diwald kommt in seinem Werk sofort – wie er auch seinen Einstieg nennt – "[z]ur Sache" (S. 13): "In der Regel mündet die geschichtliche Entwicklung der Völker ohne grundlegenden Bruch in die Gegenwart, die dann ihrerseits eine natürliche Basis der weiteren Entfaltung und Entwicklung bildet." (S. 15) Doch nicht so bei den Deutschen. Ihnen sei es "in der jahrelangen Umerziehung" (S. 15) der Siegermächte unmöglich gemacht worden, ihre Vergangenheit als sinnvolle Vorgeschichte des Heute zu verstehen. Schlimmer noch: "Alle Ideen und Überzeugungen, die ihrer [der Sieger des 2. Weltkriegs; MGM] Meinung nach zu der politischen, moralischen, charakterlichen Korrumpierung der Deutschen geführt hatten, sollten ein für alle Mal ausgerottet werden. Im Bereich der Geschichte wurde dies durch einen nahezu lückenlosen Kehraus praktiziert, der sich […] auf die ganze deutsche Vergangenheit erstreckt. Die Geschichte der Deutschen wurde nicht sachbezogen inspiziert und interpretiert, sondern moralisch disqualifiziert." (S. 15) Dieser vermeintlichen Disqualifikation deutscher Geschichte versuchte Diwald entgegenzutreten, indem er sie so lange umdeutete, bis die deutsche Kriegsschuld und die Shoah nicht nur verblassten, sondern die Deutschen als die eigentlichen Opfer erschienen. Ihm zufolge wurde seit Kriegsende die "Kollektivschuld-These ständig weiter gefüttert." (S. 28) Diese habe nicht nur zu unangebrachten Gewissensbissen geführt, sondern auch die Frage aufgeworfen, ob man sich überhaupt noch als eine Nation verstehen dürfe. Mehr noch "verkehrte" dieses Vorgehen „sogar die wohlmeinendsten Bemühungen der Westalliierten um die Weckung demokratischer Gesinnung in ihr Gegenteil. Denn der ungeheuerliche Vorwurf, die Deutschen hätten, moralisch völlig verrottet, ihre ganze Individualität dem Kollektivdenken des Nationalsozialismus ausgeliefert, wurde zynisch ad absurdum geführt in der Praxis der kollektiven Verurteilung Deutschlands durch die Sieger.“ (S. 119) Nicht die Deutschen waren damit für Diwald schon während des Nationalsozialismus zur "Volksgemeinschaft"[10] verschmolzen – vielmehr hätten die Siegermächte sie erst im Nachhinein zu einem entindividualisierten Kollektiv gemacht.

 

Schuldumkehr und Entmoralisierung

Immer wieder rückt Diwald den NS-Staat, die liberalen Demokratien des Westens sowie die Sowjetunion eng aneinander. Diese Strategie einer Verwischung der Unterschiede dient ihm dazu, die deutsche Nationalgeschichte – anstatt sie von den Siegern festschreiben zu lassen – zu einer tragfähigen "historischen Kontinuität" (S. 15) umzubilden, die den Nationalsozialismus verharmlost und dessen Besonderheit negiert. Zwar findet sich bei Diwald – im Unterschied zu einschlägigen extrem rechten Verlagen[11] und Zeitschriften – keine Leugnung des von Deutschland begonnenen Angriffskriegs, dafür aber diverse Anspielungen auf die vermeintliche Hauptschuld der Alliierten an der eigentlichen Eskalation des Zweiten Weltkriegs: "Die Kriegsziele, die Hitler im Verlauf der folgenden Jahre [nach 1939; MGM] entwickelte, wurden von der Situation auf den Schauplätzen der Kämpfe bestimmt, von der zunehmenden Schwere der Auseinandersetzungen, der politisch-weltanschaulichen Verhärtung auf beiden Seiten." (S. 147) Weder das Deutsche Reich noch seine Gegner mochten sich zu einem Waffenstillstand arrangieren, vielmehr hätten beide unterschiedslos den bedingungslosen Sieg forciert. So führt Diwald etwa am Beispiel Großbritanniens aus: Die britische "Durchhaltemoral" und überhaupt der "Widerstand Englands zeigte Hitler mit aller Deutlichkeit, daß es um einen Kampf um Sein oder Nichtsein ging. Seit der erste Schuß gefallen war, kannte Hitler lediglich ein einziges [!] Kriegsziel, nämlich den Krieg zu gewinnen, gleichgültig unter welchen Verlusten, mit welchen Mitteln, mit welchen Erfolgen oder Eroberungen." (S. 153)

Die eigentlichen Gründe für den deutschen Angriffskrieg, die Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden, die Eroberung von "Lebensraum" im Osten und die imperiale Neuordnung der Welt, benennt Diwald nicht. Er nimmt stattdessen eine Verdrehung der Tatsachen vor. Deutschland wollte sich ursprünglich gar nicht große Teile der Welt unterwerfen, aber die Umstände des Eingreifens der Alliierten in das Kriegsgeschehen ließen dem Deutschen Reich schließlich keine andere Wahl: "Zwei Jahre später [1942; MGM] ging es bereits nur noch darum, den Krieg nicht zu verlieren. Um aber den Krieg zu gewinnen, sah Hitler nach Beendigung des Frankreich-Feldzugs und angesichts des ungebrochenen Widerstandswillens keine andere Möglichkeit, als die gesamte Land- und Staatenmasse von Europa bis in den fernen Osten, also einschließlich Japans, politisch-militärisch auf den Nenner eines Bündnispaktes zu bringen, gegen den eine Allianz England-USA keinerlei Chance besaß." (S. 153) Der NS-Staat wird hier zum passiven Akteur, zum Getriebenen gemacht, der sich vor der Auslöschung schützen musste.

Ähnliches gilt für die Darstellung der totalen Mobilmachung im Inneren sowie für die sich immer weiter zuspitzende Gewalt gegen die Opfergruppen, die längst in das System der Lager und schließlich in die Shoah gemündet war. Aus beiden Themen baut sich Diwald ein Szenario zurecht, das auf eine gleichmäßige Schuldverteilung zwischen der Hitlerkoalition und ihrer Gegner an den Exzessen des Krieges – bis hin zum Genozid – hinausläuft. Die eskalierende Kriegslogik habe Diwald zufolge zwingend zur "Realisierung eines uneingeschränkten Ausnahmezustandes" und "zur Mobilisierung sämtlicher verfügbaren Kräfte" geführt. Die später von den Alliierten vertretene Auffassung, der NS-Staat habe im Verlauf des Krieges seinen "hemmungslos despotischen Kern" und damit seinen "wahren Charakter" (S. 163) offenbart, deutet Diwald dagegen als Siegerpropaganda. Das zeigt sich, wenn er im nächsten Satz bedauert, "daß die alliierten Gegner niemals einen Unterschied zwischen Nationalsozialismus und Deutschland akzeptierten, daß sie Hitler und die Deutschen miteinander identifizierten." (S. 163)

Ähnlich wie bereits zuvor Carl Schmitt[12] behauptete damit auch Diwald, erst die Alliierten hätten die Büchse der Pandora geöffnet, weil sie im Sinne einer "absoluten Feindschaft"[13] gegen die Deutschen eine Moralisierung des Krieges angestrebt hätten: "Diese Ineinssetzung [Hitlers mit den Deutschen; MGM] veranlaßte die Alliierten im Januar 1943, mehr als ein Jahr nach dem Eintritt Amerikas in den Krieg, zu ihrer Forderung nach bedingungsloser Kapitulation der Achsen-Gegner – einer Forderung, die in der Kriegsgeschichte neu war und der deutschen Führung genügend Anlaß dafür bot, sich zum ‚Totalen Krieg‘ zu entschließen, zur rücksichtslosen Verteidigung bis zum Untergang." (S. 163)

 

Die "totale Abschirmung" von Auschwitz

Folgte Diwald in den bislang gezeigten Passagen seinem revisionistischen Grundmotiv der Entlastung Deutschlands von jeder Kriegsschuld, indem er die Anteile der Alliierten am Geschehen neu bestimmen wollte, so hebt sich seine Darstellung der Shoah davon nicht sonderlich ab. Auch hier vermeidet der Autor eklatante Falschdarstellungen, gerät jedoch zunehmend in ein Raunen über unzugängliche Beweggründe und mächtige Sprachtabus, die angeblich einer objektiven Darstellung im Weg stünden.

So erweckt Diwald den Anschein, zum Thema der mit dem Wort "Auschwitz" chiffrierten Vernichtung des europäischen Judentums dürfe nicht alles gesagt werden, was dazu gesagt werden könnte: "Die ethische Dimension macht es fast unmöglich, den nachweisbaren Sinngehalt nüchtern zu behandeln, weil die Beweggründe und Formen des Mordens mit einer unbetroffenen Objektivität nicht in Deckung zu bringen sind." (S. 164) Damit suggeriert er, jede historische Forschung zur Shoah sei durch ein Geflecht unvereinbarer Interessen blockiert. Doch worin genau sollen diese Hindernisse bestehen? Welche Interessen – oder wessen Interessen – verstellen angeblich den Zugang zur Wahrheit? Um nicht als Leugner der Tat oder auch nur der Dimension ihrer Grauenhaftigkeit angesehen zu werden, sichert er sich zuvor rhetorisch ab: "Die verbrecherische Diskriminierung der Juden, ihre Verfolgung und fast gänzliche Entrechtung durch den Nationalsozialismus sind von einer Nichtswürdigkeit, die alle überlieferten Sittlichkeitsnormen sprengt." (S. 164) Doch relativiert bereits der darauffolgende Satz dieses Statement als strategische Vorbemerkung: "Seit der Anklage, daß die SS im Auftrag Hitlers durch Himmler und das Reichssicherheitshauptamt versucht hat, die europäischen Juden physisch zu vernichten, steht das Problem ‚Auschwitz‘ unter dem Schutz einer totalen Abschirmung, zumal ‚Auschwitz‘ seit der Kapitulation 1945 auch noch eine Hauptfunktion bei der völligen moralischen Herabwürdigung der Deutschen erfüllte." (S. 164)

Seit der Besetzung Deutschlands durch die Alliierten, so behauptet Diwald, sei die Shoah den Deutschen als Gegenstand einer unabhängigen Forschung vorenthalten, doch nichtsdestotrotz ihnen stets vorgehalten worden. Um den Eindruck einer lediglich zum Zweck der moralischen Delegitimierung der Deutschen betriebenen Geschichtsschreibung zu erwecken, griff Diwald auf längst widerlegte Deutungsmuster aus der unmittelbaren Nachkriegszeit zurück. So erinnert er an die damalige, terminologisch ungenaue Gleichsetzung westlicher Konzentrationslager mit den Vernichtungslagern im Osten – ein Irrtum, der von der Forschung damals längst korrigiert worden war. Diwald tat jedoch so, als wäre dieser Forschungsstand nie revidiert worden (S. 164f.). Um die etablierte Forschung zu diskreditieren, fällte Diwald damit ein Urteil, das angesichts der zur damaligen Zeit zugänglichen Quellen längst nicht mehr gerechtfertigt erschien,[14] und weckte darüber hinaus in der Bevölkerung sogar „Zweifel an der Authentizität der Dachauer Gedenkstätte sowie grundsätzlich an der Existenz von Gaskammern“.[15]

 

Fazit: Von der Überblendung zur verkappten Leugnung der Shoah

Diwalds Revisionismus setzt ähnlich den Strategien der Negationist*innen darauf, eine gegen alle Widerstände durchzusetzende „Wahrheitsfindung“ vornehmen zu wollen, "um eine neue Deutung der Vergangenheit zum besseren Verständnis der Gegenwart"[16] vorlegen zu können. Die von Diwald behauptete „totale Abschirmung“ des "Problems Auschwitz" leistet dabei ähnliche Dienste für eine Schuldabwehr wie die Leugnung der Gaskammern, die Diwald vermeidet. Eine weitere Gemeinsamkeit lässt sich in der versuchten Einebnung der moralischen Unterschiede zwischen Siegern und Besiegten im Zweiten Weltkrieg erkennen. Ziel ist es, die Singularität nationalsozialistischer Verbrechen in Frage zu stellen und die Schuldfrage zu verwischen. Deborah Lipstadt hat dieses Muster treffend beschrieben: "Die Revisionisten meinen, sie brauchten nur zu demonstrieren, es habe sich bei diesem Krieg im Kern um einen Waffenkonflikt wie jeden anderen gehandelt, dann könnten sie argumentieren, daß besondere Schuldzuweisungen oder spezielle Kriegsverbrecherprozesse jeglicher Gültigkeit entbehrten." [17] Falls aber tatsächlich Verbrechen von deutscher Seite begangen wurden – was manche Holocaustleugner*innen ebenso wie Diwald durchaus einräumen –, so sei dennoch die besondere Grausamkeit auf Seiten der Alliierten auszumachen, genauso wie ihre fehlende Aufarbeitung. Negationisten und Revisionisten eint hier der von Lipstadt herausgearbeitete Standpunkt: "Die wahren Verbrechen an der Zivilisation wurden von den Amerikanern, Russen, Briten und Franzosen an den Deutschen begangen.[18]

Ferner lässt Diwald in seinen die „Die Endlösung“ überschriebenen knapp zweieinhalb Seiten zur Shoah auch die Zahl der Ermordeten in Auschwitz als zweifelhaft erscheinen, wiederum ohne sie einfach zu leugnen. Sie werden schlicht nicht thematisiert. So spricht er konkret nur von einer "verheerende[n] Typhusepidemie", der „bis an die zwanzigtausend Menschen“ zum Opfer gefallen seien (S. 165). Ansonsten möchte er die hohen Sterblichkeitsziffern in Auschwitz-Birkenau dadurch erklären, dass es "als Lager für diejenigen Häftlinge [diente], die als nicht arbeitsfähig erklärt worden waren." (S. 165) Er überblendete damit die Hauptfunktion der Lager als Stätten der Selektion und Vernichtung – ohne sich aber selbst dabei als Holocaustleugner präsentieren zu müssen.

Eine eklatante Leugnung der deutschen Kriegsschuld, wie sie in den Büchern einschlägiger rechter Verlage zu finden ist, vermied Diwald damit ebenso wie Behauptungen über die Inexistenz des Holocausts. Für ein renommiertes konservatives Verlagshaus wie Propyläen wäre dies unangemessen gewesen und ein solches Buch dort kaum verlegt worden. Immerhin wurde aber auch dort das Kapitel über die „Endlösung“ erst nach einem öffentlichen Skandal für die späteren Auflagen überarbeitet und Diwald avancierte dadurch zusätzlich in extrem rechten Kreisen zum Märtyrer für die Meinungsfreiheit.[19] Er wählte also eine zumindest temporär erfolgreiche Strategie, die der Rechtsextremismusforscher Richard Stöss mit dem Satz pointierte: "Diwald teilte keine falschen Tatsachen mit, sondern warf gezielt sprachliche Nebelkerzen, um irrezuführen."[20]

 

[1] Redaktion des Artikels: Stefan Rindlisbacher und Sebastian Bischoff.
[2] Hellmut Diwald, Geschichte der Deutschen, Frankfurt am Main 1978 (1. Auflage). Alle folgenden im Text angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf diesen Band.
[3] Geoff Eley, Nazism, Politics and the Image of the Past: Thoughts on the West German Historikerstreit 1986–1987, in: Past & Present (1988), 121, S. 171–208, hier: S. 189, Anm. 38; Ludwig Elm, Der deutsche Konservatismus nach Auschwitz. Von Adenauer und Strauß zu Stoiber und Merkel, Köln 2007, S. 205 ff.
[4] Moritz Fischer, Thomas Schlemmer, Wider das Establishment. Die Zeitgeschichtliche Forschungsstelle Ingolstadt zwischen Apologie und Wissenschaft – aus den Akten des Instituts für Zeitgeschichte und des Bundesarchivs, in: VfZ 72 (2024) 1, S. 127–201 und Moritz Fischer, Die Neue Rechte im letzten Jahrzehnt der Bonner Republik. Armin Mohler, Franz Schönhuber, Hellmut Diwald und die Gründung des „Deutschlandrats“ 1983, in: VfZ 71 (2023) 1, S. 111-153.
[5] Deborah E. Lipstadt, Betrifft: Leugnen des Holocaust, Zürich 1994, S. 39.[6] Wolfgang Benz, Die Funktion von Holocaustleugnung und Geschichtsrevisionismus für die rechte Bewegung, in: Stephan Braun, Alexander Geisler, Martin Gerster (Hg.): Strategien der extremen Rechten. Hintergründe – Analysen – Antworten. 2. Auflage, Wiesbaden 2016, S. 211-228, Zitate S. 215.
[7] Jens-Christian Wagner, Zwischen Schuldabwehr, Schuldumkehr und Instrumentalisierung. Rechter Geschichtsrevisionismus in Deutschland, in: Ders., Sybille Steinbacher (Hg.): Rechter Geschichtsrevisionismus in Deutschland. Formen, Felder, Ideologie, Göttingen 2025, S. 15-38, S. 18.
[8] Ebd., S. 18f.
[9] Christian Mentel, „Auschwitz muss fallen …“. Die Negation des Holocaust und die extreme Rechte in der Bundesrepublik, in: Hans-Peter Killguss, Martin Langebach (Hg.): „Opa war in Ordnung!“ Erinnerungspolitik der extremen Rechten, Köln 2016, S. 118-129, S. 121.
[10] Volksgemeinschaft ist dabei, wie Michael Wildt argumentiert, nicht als etwas Gegebenes einfach vorauszusetzen, sondern aus den „Praktiken ihrer Herstellung“ heraus zu verstehen, vgl. Michael Wildt, Die Ambivalenz des Volkes. Der Nationalsozialismus als Gesellschaftsgeschichte, München 2019, S. 40.
[11] Dazu die Beiträge in Wolfgang Benz, Peter Reif-Spirek (Hg.), Geschichtsmythen. Legenden über den Nationalsozialismus, Berlin 2003.
[12] Carl Schmitt, Theorie des Partisanen. Zwischenbemerkung zum Begriff des Politischen. Achte, korrigierte Auflage, Berlin 2017.
[13] Ebd., S. 92.
[14] Dazu bemerkte der Rezensent James Wald, German History Backwards, in: New German Critique, (1980) 21, S. 154-180, Zitat S. 160: „True, we are not even at the point where we can begin to understand why the Holocaust occurred, but we have many good accounts of what happened. Diwald deliberately leaves out the ‘what’, thereby relieving himself of the necessity of asking the ‘why?’” (Hervorhebungen i. O.)
[15] Maik Tändler, „Nationalmasochismus“ und „jüdisches Privileg“. Zur alt- und neurechten Abwehr der Vergangenheitsbewältigung und ihrer postkolonialen Anverwandlung, in: Jens-Christian Wagner, Sybille Steinbacher (Hg.): Rechter Geschichtsrevisionismus in Deutschland. Formen, Felder, Ideologie, Göttingen 2025, S. 149-178, S. 162.
[16] Lipstadt, Leugnen des Holocaust, S. 39.
[17] Ebd., S. 191.
[18] Ebd., S. 40.
[19] Siehe die Beiträge in Rolf-Josef Eibicht (Hg.), Hellmut Diwald: Sein Vermächtnis für Deutschland, sein Mut zur Geschichte, Tübingen 1994.
[20] Richard Stöss, Die extreme Rechte in der Bundesrepublik. Entwicklung – Ursachen – Gegenmaßnahmen, Opladen 1989, S. 33.

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Zitation

Martin G. Maier, Gutbürgerlicher Revisionismus . Hellmut Diwalds Geschichte der Deutschen: Ein Bestseller der extremen Rechten aus dem Jahr 1978, in: zeitgeschichte|online, , URL: https://www.zeitgeschichte-online.de/gutbuergerlicher-revisionismus