In der Diplomatie ist nichts Zufall und gerade die Ortswahl von höchster Bedeutung. Üblicher Weise suchen sich zwei Staaten im Konflikt- oder Kriegsfall ein neutrales drittes Land, damit keiner der Kontrahenten einen Heimvorteil genießt bzw. im Feindesland in die Enge getrieben wird. Auch wenn es immer wieder abgestritten wird, hat jeder Ort eine symbolische Bedeutung, sorgt durch geographische wie kulturelle Nähe bzw. Ferne für einen Vor- oder Nachteil, drückt Wertschätzung und Vertrauen oder Vorsicht und Misstrauen, bisweilen auch Sieg oder Niederlage aus.
Graf Witte in Portsmouth
So war es im Kalten Krieg, als die USA und die UdSSR vorzugsweise in Helsinki oder Wien verhandelten. So war es auch im Jahr 1905, als Russland und Japan einen neutralen Ort für ihre Friedensverhandlungen suchten und sich schließlich auf die USA einigten, weil Japan nicht Europa und Russland nicht Asien als Verhandlungsrahmen akzeptierten. Die USA brachten Russland Glück, dessen Unterhändler Graf Sergej Witte es verstand, geschickt die amerikanische öffentliche Meinung für sich einzunehmen. Er fuhr nach Portsmouth mit der Devise: Ein Diplomat ist ein Schauspieler auf der Bühne vor dem ganzen Volk. Anstatt an der zeremoniellen Überfahrt von Washington nach Portsmouth im Schiff teilzunehmen, nahm er den Zug, um der amerikanischen Bevölkerung und Presse nahbar zu erscheinen, und soll dabei sogar den Lokführer geküsst haben. Mit seinem Schauspiel holte er für das besiegte Russland die bestmöglichen Bedingungen heraus.
Stalin in Teheran, Jalta, Potsdam
Im Zweiten Weltkrieg waren die USA dagegen keine neutrale Bühne mehr, sondern Akteur. Stalin hielt es für eine Zumutung, zu Gesprächen zu seinem Verbündeten in die USA zu kommen, als Präsident Roosevelt 1942 vorschlug, sie könnten sich in Alaska treffen. Auch hatte Stalin Angst, ein Flugzeug zu besteigen. Obwohl Roosevelt der gesundheitlich Angeschlagene war, gab Stalin vor, seine Ärzte hätten ihm das Fliegen verboten. Es gelang ihm tatsächlich, alle drei Konferenzen über die künftigen Grenzen Europas in seinem Einflussbereich als Gastgeber abzuhalten: 1943 im sowjetisch besetzten Teil Teherans, im Februar 1945 in Jalta auf der Krim und im Juli/August 1945 in Potsdam, das ebenfalls sowjetisch besetzt war. Auch Stalin verstand sich gewisser Weise als Schauspieler, als er sein Zusammentreffen mit Roosevelt und dem britischen Premier Churchill vorher übte. Er gab sich selbst konziliant, während er es seinem Außenminister Molotow überließ, die Maximalforderungen vorzutragen, und seine Armeen auf dem Schlachtfeld die Fakten dazu schufen. Gerade Jalta gilt als die Konferenz, auf der die Teilung Europas besiegelt und Roosevelt und Churchill Stalin zugestanden, eine Pufferzone aus ostmitteleuropäischen Staaten um die Sowjetunion zu schaffen.
Chruschtschow in Hollywood
In der so geschaffenen Nachkriegswelt setzte nach Stalins Tod 1953 dessen Nachfolger Chruschtschow alles daran, in den USA wieder ein gern gesehener Gast zu werden und durch eine Einladung in die USA als ebenbürtig anerkannt zu werden. Tatsächlich lud Präsident Eisenhower ihn 1959 ein, 15 Tage lang die USA inclusive Hollywood zu besuchen, und Chruschtschow dankte es, indem er sich wie einst Graf Witte an die USA anpasste und als echter „Showman“ erwies, dem die amerikanische Presse zu Füßen lag. Doch nachdem es 1960 zum erneuten Bruch gekommen war, musste 1961 das neutrale Wien für ein Treffen mit Kennedy herhalten. Aber anders als mit dem Farmer und Militär Eisenhower fand Chruschtschow mit dem jungen, smarten Kennedy keine gemeinsame Basis. Es folgten der Mauerbau in Berlin 1961 und die Kuba-Krise 1962, zwei Konflikte, die die Welt nah an einen dritten Weltkrieg brachten.
Breschnew in Kalifornien
Als Breschnew 1964 Chruschtschow ablöste, versuchte er ein neues Vertrauensverhältnis herzustellen, indem er Sicherheitsberater Kissinger zum Jagen auf sein Anwesen nordwestlich von Moskau und Nixon ans Schwarze Meer einlud. Je persönlicher die Orte, desto enger die Beziehungen. Erfolgreich gab er, der in seiner Kindheit Schauspieler werden wollte, sich so nahbar und locker wie möglich und wurde von Nixon 1973 nicht nur ins Weiße Haus, sondern auch in sein Privathaus nach Kalifornien eingeladen. Als Nixon 1974 wegen der Watergate-Affäre zurücktreten musste, wollte Breschnew dessen Nachfolger sofort treffen und wählte Wladiwostok an der Pazifikküste, das für den US-Präsidenten Ford gut erreichbar war. Bereits im Auto kamen sie sich beim Gespräch über Schneepflüge näher.
Putin in Alaska
Die Idee, sich in Alaska oder zumindest an der Pazifikküste zu treffen, war also nicht neu und stand von vornherein für Zeiten, als die USA und die UdSSR eng miteinander kooperierten. Überraschend bestanden weder Putin noch Trump auf einem neutralen Ort, obwohl – wie 1905 Russland und Japan, nur diesmal unter umgekehrten Vorzeichen – Russland zunächst Saudi-Arabien und die USA Europa vorgeschlagen hatten. Dabei ist bezeichnend, dass Russland unter Putin nach Jahrhunderten Europa nicht mehr als den eigenen Referenzrahmen ansieht. Die Nowaja Gaseta mutmaßte, dass den Ort Alaska Putins Sonderbeauftragter Kirill Dmitrijew dem US-Gesandten Steve Witkoff einflüsterte. Besonders bizarr war dabei, dass Trump zweimal sagte, er würde zu Verhandlungen nach Russland fahren. Es passt allerdings zu den anfänglichen Falschmeldungen, Putin wäre bereit, die Gebiete Cherson und Saporischschja zu räumen. Ob Trump falsch informiert war oder tatsächlich dachte, Alaska gehöre (noch) zu Russland, muss dahingestellt bleiben. Entscheidend war, dass die Ortswahl statt Vorsicht von vornherein Wertschätzung Trumps und Vertrauen Putins symbolisierte. Zudem zeigt die Geschichte, dass Reisen in die USA den Zaren den diplomatischen Sieg brachten und für Chruschtschow und Breschnew den Zenit ihrer Herrschaft markierten. Neben diesen historischen und diplomatischen Präjudizen symbolisierte die geographische Nähe von Russland zu den USA von Anfang an den Ausschluss Europas. Während in Russland Nationalisten schon lange fordern, Alaska, das der Zar 1867 an die USA verkaufte, müsse wieder russisch werden, steht für Trump dieser Verkauf – wenn man ihn denn darüber informiert hat – vermutlich für einen gelungenen „Deal“, wie er sie liebt. Alaska ist für ihn zudem ein unbeschriebenes Stück Land, zumal mit vielen unerschlossenen Rohstoffen, mit dem und auf dem sich Geschäfte machen lassen, während Washington für die ihm verhassten Strukturen und Regeln gestanden hätte. Die Ortswahl war schließlich typisch für zwei Verhandlungspartner, die Dritte ausschließen wollen: zu kritische Gastgeber eines Drittstaaten, zu penetrante Pressevertreter, zu laute Proteste der Bevölkerung.
Putin auf dem Roten Teppich
Der rote Teppich, den Trump für Putin ausrollen ließ, unterstrich weiter, dass hier ein „Staatsmann“ mit allen Ehren empfangen werden sollte. Zur protokollarischen Choreographie gehörte auch, dass, obwohl die Maschine des US-Präsidenten früher gelandet war, dieser wartete, um dann synchron mit Putin aus dem Flugzeug zu steigen. Beeindruckender kann nicht ausgedrückt werden, dass man den Gast als ebenbürtig anerkennt. Wohl nicht im Protokoll stand, was Trump dann machte: Er applaudierte Putin, während dieser auf ihn zuging, fast schon eine Geste, mit der er sich unter Putin stellte. Nach einem herzlichen Händeschütteln, einem Tätscheln an der Schulter und einem zweiten Applaus für Putin bat Trump ihn schließlich, in seinem Cadillac Platz zu nehmen, obwohl dessen Limousine extra eingeflogen worden war. Gerade solche Vier-Augen-Gespräche sind die höchste Ehre für einen Staatsgast, waren das, worauf Chruschtschow und Breschnew jahrelang hinarbeiteten – und was die Ukrainer*innen und Europäer*innen am meisten fürchteten, dass Putin ohne Aufsicht Trump wieder seine Gedanken einpflanzen könnte. Und genauso geschah es: Den Waffenstillstand, den Trump durchsetzen wollte, wischte Putin als „nicht nötig“ vom Tisch, ohne dass Trump die vorher angekündigten Sekundärsanktionen gegen China in Kraft setzte. Das baldige Treffen aber zwischen Trump und Selenskij, das Trump verkündete, wurde von Putin mit keiner Silbe bestätigt. Schließlich ließ Trump noch verlauten, es liege jetzt an Selenskij, den nächsten Schritt zu machen, und kehrte damit zum wiederholten Mal die Täter-Opfer-Rollen um. Für sein Veni-Vidi-Vici musste Putin gar nicht viel schauspielern. Er musste nur auf die Einladung warten und den Rest erledigte das Protokoll fast für ihn allein. Mitunter wirkte es so, als sei es eine Ehre für Trump, dass er Putin treffen dürfe. Die Rolle, die einst für Stalin Molotow spielte, übernahm Lawrow, der in einem Sweatshirt mit dem Aufdruck „UdSSR“ anreiste. Weniger subtil lässt sich kaum ausdrücken, dass das angestrebte Ziel die Wiederherstellung des einstigen Großreichs ist.
Trump in Jalta?
Dass dies ein Sieg Putins sein würde, ließ sich also bereits an der Ortswahl ablesen; Trump lud Putin nicht nur an den Sehnsuchtsort so vieler russischer bzw. sowjetischer Politiker ein und reichte ihm die Hand in den USA; er tat dies nach russisch-nationalistischer Sicht auch noch auf russischer Erde. Ähnlich wie einst Graf Witte, der als Kriegsverlierer kam und als Verhandlungssieger ging, kam Putin als Kriegsverbrecher und ging als rehabilitierter Verhandlungspartner. Ähnlich wie sich Witte über das etablierte europäische Protokoll hinwegsetzte, sprach Putin über die Köpfe Europas hinweg. Gleichwohl wird er nicht restlos zufrieden sein: Putin träumt von einem neuen Jalta, auf dem sich die „Großmächte“ erneut die Welt in zwei Einflusssphären aufteilen. Das betont er, seitdem er 2015 persönlich eine Konferenz zum 70. Jahrestag von Jalta auf der gerade annektierten Krim eröffnete. Zum 80. Jahrestag von Jalta Anfang dieses Jahres sagte er, mit Trumps Machtantritt sei nun endlich ein neues Jalta möglich geworden. Sollte er demnächst Trump nach Jalta, auf die annektierte ukrainische Krim, einladen, sollten alle Alarmglocken schrillen.
Zitation
Susanne Schattenberg, Sehnsuchtsort Alaska. Eine kleine historisch-diplomatische Ortskunde, in: Zeitgeschichte-online, , URL: https://www.zeitgeschichte-online.de/themen/sehnsuchtsort-alaska