Laudatio anlässlich der Verleihung des Zeitgeschichte-Digital-Preises 2025 in der Kategorie Wissenschaftskommunikation an das Team der Website „Auf dem Weg zur Freiheit. Freiheitsbestrebungen im östlichen Europa 1989–1991“, realisiert vom Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung – Institut der Leibniz-Gemeinschaft. ZZF Potsdam, 25.11.2025
Sehr geehrte Frau Hein-Kircher,
sehr geehrte Frau Bergholde-Wolf,
verehrtes Preisträgerteam,
Kein nachahmender Affe höherer Wesen sollte der zur Freiheit erschaffene Mensch sein, sondern, auch wo er geleitet wird, im glücklichen Wahn stehen, daß er selbst handle.
(aus: Johann Gottfried Herder, Ideen zur Philosophie zur Geschichte der Menschheit, Fünftes Buch, 1784-91)
Es war Johann Gottfried Herder, der diesen Gedanken in Worte fasste und seinen Leserinnen und Lesern ins Herz schrieb, dass der Mensch nur dann zur wahren Freiheit gelangt, wenn er seine Einzigartigkeit und Individualität lebt, anstatt fremde Vorbilder nachzuahmen oder sich dem Zwang äußerer Formen zu beugen. Herder blieb aber nicht beim Individuum stehen, sondern weitete die Überlegung auch auf die Völker der Welt aus. Freiheit betrachtete er nämlich als das naturgegebene Recht jeder Kultur, jeder Nation, ihren eigenen Weg zu gehen, die eigene Geschichte zu schreiben und das Eigene aus sich selbst heraus zu gestalten – unbeeinträchtigt von Fremdherrschaft und Bevormundung.
Warum nun zu Beginn so viel Herder? Weil erstens der Freiheitsgedanke uns als Gesellschaft und Wissenschaftlergemeinschaft aktuell tief bewegt und beschäftigt. Zweitens: Weil das Preisträgerteam vom gleichnamigen Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung - Institut der Leibniz-Gemeinschaft Marburg kommt und es genau dessen Auffassung zum Leitthema ihres Gewinnerprojekts gemacht hat. Denn Herders Gedankengänge, die sich im Umfeld der Französischen Revolution formten, bildeten das geistige Fundament und die innere Matrix der Freiheitsbewegungen in den Ländern Osteuropas zwei Jahrhunderte später. Und um die geht es auf der Website „Auf dem Weg zur Freiheit. Freiheitsbestrebungen im östlichen Europa 1989–1991“, die es heute zu würdigen gilt. Es handelt sich dabei um ein Digitalprojekt, das Geschichte nicht nur sichtbar, sondern auch spürbar macht. Es öffnet den Blick für jene entscheidenden Jahre, in denen Menschen in Warschau, Prag, Budapest, Vilnius oder Riga den Mut fanden, für Demokratie aufzustehen – und damit die politische Landkarte Europas unwiderruflich veränderten.
Die Website ist weit mehr als ein digitales Archiv: Sie ist ein interdisziplinärer Raum der Erinnerung und zugleich eine Schule des Verstehens. Mit sorgfältig komponierten Themenpfaden, reichhaltigen Quellen, interaktiven Karten und einer feinfühligen Gestaltung führt sie uns mitten hinein in das historische Spannungsfeld jener Zeit. Sie lässt uns nachempfinden, wie verschieden die Wege zur Freiheit waren – und doch, wie ähnlich die Sehnsucht war, die alle bewegte. Die große Zäsur von 1989/91 bildet den historischen Rahmen. Dabei bleibt die Perspektive offen in beide Richtungen: Wer sich der Ukraine zuwendet, findet die Entwicklung bis zum Euromaidan nachgezeichnet; wer Polen erkundet, stößt auch auf den blutig niedergeschlagenen Aufstand in Posen von 1956 und auf die Orte in der Stadt, an denen daran heute erinnert wird.
Viele Quellen stammen aus dem hauseigenen Archiv und laden ein, die Schätze des Herder-Instituts zu entdecken. Nutzerinnen und Nutzer werden animiert, digitale Geschichtsvermittlung als reflektierte Teilhabe zu denken und umzusetzen. Das ist mehr als zeitgemäß, denn wir wissen: Aktive Quellenarbeit fördert handlungsorientiertes Lernen, indem Lernende selbst vergleichen, selbst deuten und selbst einordnen. So wird Geschichte nicht als starre Faktenansammlung erfahrbar, sondern als Prozess der Erkenntnisgewinnung. Ganz im aufklärerischen Sinne von Gottfried Wilhelm Leibniz, dem zweiten institutionellen Namensgeber, wie wir ihn in Edgar Reitz‘ jüngstem Film „Leibniz – Chronik eines verschollenen Bildes“ erleben können. Der Preis ehrt daher nicht nur ein digitales Werk, sondern in gewisser Weise auch eine Haltung: Geschichte offen, zugänglich und im Dialog zu vermitteln. Die Jury erkennt darin einen vortrefflichen Ansatz in einer Zeit voller Bubbles und hermetischer Diskurse.
Die Website greift unter anderem auch den sogenannten Baltischen Weg auf, dessen Bezug zum 23. August gedenkpolitische Implikationen berührt, die für viele Deutsche nach wie vor ein heikles Thema darstellen. Am 23. August 1989 reichten sich fast 2 Millionen Balten die Hände und bildeten eine 600 Kilometer lange Kette, die Tallinn, Riga und Vilnius verband – ein Symbol des Aufbegehrens und ein entscheidender Schritt auf dem Weg zur Loslösung von sowjetischer Herrschaft. Das Datum war bewusst gewählt: Es richtete sich gegen das Geheimprotokoll des Hitler-Stalin-Pakts, der Ostpolen und die baltischen Staaten der sowjetischen Einflusssphäre zuschlug und zur dortigen Errichtung der kommunistischen Diktatur führte. Der Baltische Weg wurde zum Sinnbild friedlichen Widerstands. Er befeuerte die angelaufene Singende Revolution und mündete schließlich in die Unabhängigkeit der baltischen Staaten 1991. Nicht von ungefähr erklärte daher das Europäische Parlament 2009 den 23. August zum Gedenktag für die Opfer von Stalinismus und Nationalsozialismus. Ein Gedenktag, der in vielen europäischen Staaten begangen wird. Nicht jedoch in Deutschland, wo das Datum unter Relativierungsverdacht steht und ein Gedenktabu darstellt.
Doch auch ohne diesen Hinweis gemahnen uns die auf der Website versammelten Zeugnisse, dass Freiheit und Freiheitsbewegungen nicht nur historisch zu deuten sind, sondern realgeschichtlich stets umkämpft sind und früher wie heute tatkräftige Unterstützung über den Schreibtisch hinaus brauchen.
Im Namen der Jury des Zeitgeschichte-Digital-Preises 2025 gratuliere ich dem Projektteam zu dieser besonderen Leistung und damit zum Preis für Wissenschaftskommunikation.
Zitation
Peter Ulrich Weiß, Wege in die Freiheit. Laudatio für Dr. Agnese Bergholde-Wolf und Prof. Dr. Heidi Hein-Kircher, in: zeitgeschichte|online, , URL: https://www.zeitgeschichte-online.de/themen/wege-die-freiheit