Eine zerschossene Wand
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Zerstörung des Kibbuz Be'eri nach dem Massaker der Hamas, Foto: Kobi Gideon / Government Press Office of Israel via Wikimedia Commons, Lizenz: CC BY-SA 3.0

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Zeitgeschichte im Ernstfall

Laudatio für „Die Welt aus den Fugen“

Der 7. Oktober ist ein Datum mit verschiedenen historischen Schattierungen:

Am 7. Oktober 1989 feierte die DDR ihren letzten Republikgeburtstag, der bereits von massiven Protesten überlagert war. Es war eine der letzten Haltestellen auf dem Weg in die Freiheit – eine Entwicklung, deren Veranschaulichung wir heute mit dem Wissenskommunikationspreis für die Storymap „Auf dem Weg zur Freiheit“ des Herder-Instituts würdigen wollen.

Der 7. Oktober steht aber auch im Mittelpunkt des Beitrags, für den wir den ersten Preis dieses Abends überreichen wollen.

Denn der 7. Oktober 2023 markierte eine neue Eskalationsstufe in einem Jahrzehnte überdauernden, gewaltreichen Konflikt. Annette Vowinckel und Rebekka Großmann haben den ersten Jahrestag des Terror-Überfalls der Hamas auf Jüdinnen und Juden zum Anlass genommen, um dieses Ereignis aus verschiedenen Richtungen zu beleuchten: Das Dossier „Die Welt aus den Fugen“, das wir heute auszeichnen, richtet den Blick in zehn Beiträgen auf ganz unterschiedliche Aspekte des Überfalls, auf seine Vor- und Nachgeschichten. Zudem, und das macht die Sammlung so aufschlussreich speziell für unser Fach, wird das Geschehen immer wieder mit der Frage herangezoomt, was dieser Schreckenstag für die Geschichtswissenschaft, für Forscherinnen und Forscher und ihre Community, bedeutete.

Wie wichtig es ist, dies konsequent zu betrachten, steht glaube ich jedem von uns klar vor Augen, der selbst in seinem Umfeld seit dem 7. Oktober 2023 Veränderungen bemerkt hat. Freundschaften zerbrachen daran, dass man Petitionen unterschrieb oder nicht unterschreiben wollte; selbst der Ton auf Facebook, sonst vergleichsweise beschauliches Retreat zum Austausch von Urlaubsfotos unter Oldies, wurde zusehends rau und hart. Universitäten gerieten zu Kampfplätzen, und ein beschämender Vorgang ereignete sich, als Wissenschaftler*innen, die sich vor Student*innen gestellt hatten, von der BILD-Zeitung unter der Überschrift „Die UniversiTÄTER“ an den Pranger gestellt wurden. Die Zeitgeschichte, die immer stolz darauf war und ist, eine Streitgeschichte zu sein, sah sich einem neuen Level der öffentlichen Konfrontation gegenüber.

Das Dossier geht nun in verschiedenen Facetten der Frage nach, welche Folgen der 7. Oktober speziell für diejenigen hatte, die zum Nahostkonflikt, zum Holocaust oder zu jüdischer Geschichte arbeiteten und arbeiten.

„Ich bin so froh, dass Sie heute Abend mit uns hier sind. So können wir erfahren, wie sich ein Israeli in diesen Tagen fühlt“, mit dieser Begrüßung wurde etwa der Kulturhistoriker Ghilad H. Shenhav vom Zentrum für Israel-Studien der Ludwig-Maximilians-Universität München vor Beginn eines seiner Vorträge kurz nach dem 7. Oktober in Empfang genommen. Eigentlich wollte er nicht über seine persönlichen Empfindungen sprechen, sondern über sein Vortragsthema, nämlich „Israel in der deutschen Kultur“, etwa die Pläne von Franz Kafka, nach Tel Aviv zu gehen und dort in einem Restaurant zu arbeiten.

Statt über Kafka wurde er nun aber immer das gleiche gefragt: zur Kritik an Israel und den Grenzen dieser Kritik. Wenig später wurde ihm auf einer wissenschaftlichen Konferenz in Berlin von einer palästinensischen Teilnehmerin vorgeworfen, er „würde den Krieg und die Tötung ihres Volkes unterstützen, indem er die Kategorie des Zionismus benutze.“ Shanev resümiert resignierend: „Es schien, dass Ideologie, Wissenschaft und Identität nicht mehr (auch nicht künstlich) voneinander getrennt werden können.“ Der Kulturwissenschaftler, so zeigt der Beitrag, sah sich über Nacht nicht nur in seiner persönlichen, sondern auch wissenschaftlichen Integrität angegriffen. Er versucht, die „zionistische Vergangenheit“ historisch für die Gegenwart begreifbar zu machen, auch wenn politische „Übersetzungsfehler“ wohl „immer unvermeidlich bleiben“.

Weiterhin scheint im Dossier auf, welche Impulse das Geschehen und die Notwendigkeit seiner Dokumentation für die historische Methode setzten. Denn der 7. Oktober wurde nun zu einem neuen Anlass für wissenschaftliche Forschungen, in diesem Fall für die Oral History.

So suchte am Morgen des 7. Oktober auch die Kulturwissenschaftlerin Roni Mikel Arieli mit ihrem zweijährigen Sohn Schutz vor den Angreifern, nachdem der Alarm sie geweckt hatte. Seit zwei Jahren arbeitete sie da bereits als akademische Leiterin der Abteilung für Oral History am Institut of Contemporary Jewry an der Hebrew University of Jerusalem. Über Jahre hatte die Forscherin Zeugnisse von Holocaust-Überlenden gesammelt und ausgewertet. Nun war ihre Expertise plötzlich aus aktuellem Anlass sehr gefragt – zur Dokumentation der Ereignisse des 7. Oktober, die auch ihr eigenes Leben soeben bedroht hatten. Beeindruckend hierbei ist, dass die nun unmittelbar beginnende Oral History zum Terror-Überfall nicht nur der historischen Archivierung persönlicher Erfahrungen diente. Vielmehr suchten Personen immer noch verzweifelt nach ihren Verwandten und hofften, durch die Augenzeugenberichte Hinweise auf deren Verbleib zu erhalten. Dies alles erinnerte Arieli an die Arbeit des Suchdiensts für vermisste Angehörige, die 1951 von der Jewish Agency gegründet worden war. Geschichte und Gegenwart schienen in diesen Tagen auf merkwürdige Weise ineinander zu fallen. Das Netzwerk für die Oral History zum 7. Oktober 2023, das Roni Arieli in jenen Tagen mit Kolleg*innen gründete, umfasst mittlerweile 350 Mitglieder mit mehr als 100 multimedialen Dokumentationsprojekten.

Das Dossier behandelt zudem die Frage, in welche historischen Diskurse der Gewaltexzess eingeschrieben wurde – in analytischer oder auch polemischer Absicht. Am wirkmächtigsten war hier tatsächlich die Erinnerung an den Holocaust – ebenso wie der gegenläufige Versuch, die NS-Verbrechen ein für alle Mal aus dem Nahostkonflikt zu eliminieren: Free Palestine from German Guilt – Befreit Palästina von deutscher Schuld – das war ein Schlagwort, das schon 2022, ein Jahr vor den Anschlägen, skandiert wurde – in Kassel, im Rahmen der unglückseligen Documenta Fifteen, die für ihre antisemitischen Ausfälle in Verruf geriet. Nun, seit dem 7. Oktober, wurde diese Parole erneut laut. Ein zweiter Diskurs, in den der Konflikt häufiger gefasst wird, ist zudem die Dekolonisierungsdebatte – ebenfalls eine umstrittene Sichtweise. Zudem wird der Versuch unternommen, den 7. Oktober mit anderen Massenverbrechen zu vergleichen – wie etwa das Massaker in Sansibar 1964 oder die Massenmorde während des Bürgerkriegs im Libanon.

Ofer Ashkenazi, Direktor des Centers für Deutsche Geschichte in Jerusalem, untersucht wiederum den Umgang der israelischen Zivilgesellschaft mit den Ereignissen. Er kann zeigen, wie in den ersten Tagen des Chaos und der Desorientierung, auch des Versagens staatlicher Strukturen, zahlreiche Netzwerke von Bürgerbewegungen einsprangen und für Information und erste Hilfe sorgten. Dabei hatten sich diese Netzwerke ursprünglich aus Protest gegen den autoritären Umbau staatlicher Strukturen durch die Regierung Nethanjahu gebildet.

Das Dossier „Die Welt aus den Fugen“ will multiperspektivisch und persönliche professionelle Standpunkte repräsentieren – und das ist sehr gut gelungen. Doch ist das nicht selbstverständlich, denn was gelingen kann, hätte – gerade angesichts eines so heiklen Gegenstandes – auch scheitern können.

Hier möchte ich den Autor Per Leo sinngemäß mit einer grundsätzlichen Beobachtung zitieren.

Denn die Redewendung, dass etwas geglückt sei, bringe zum Ausdruck, dass „ein Gelingen mehr ist als nur das Resultat einer Leistung“, die man „abrufen“ kann. Es ist immer auch ein „wundersames Zusammentreffen von etwas, das in mir steckt, mit etwas, über das ich nicht verfügen kann.“ 1

Das gilt natürlich umso mehr für eine Gemeinschaftsleistung wie das heute preisgekrönte Dossier.

Denn worüber man sicher nicht ohne Weiteres verfügen konnte, war es, in einer derart angespannten, auch den Wissenschaftsbetrieb belastenden Situation, Autoren und Autorinnen zu finden, die bereit waren, gleichzeitig kenntnisreich, aufrichtig und mitunter schonungslos ihre Erfahrungen und Analysen einzubringen.

Wir freuen uns mit Euch umso mehr, dass dieses Wagnis geglückt ist.

 


1 Moving History | 1. Festival des historischen Films 2017. Laudatio zur Verleihung der Clio 2017 an Chris Kraus für DIE BLUMEN VON GESTERN am 20. September 2017 von Per Leo.

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Zitation

Jutta Braun, Zeitgeschichte im Ernstfall. Laudatio für „Die Welt aus den Fugen“, in: zeitgeschichte|online, , URL: https://www.zeitgeschichte-online.de/themen/zeitgeschichte-im-ernstfall