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Pavlovsk Innenhof 1944

© Archiv des Schlossmuseums Pavlovsk

Eine Kriegsgeschichte: Das Schloss Pavlovsk bei Leningrad und seine Sammlung
Ein Forschungsbericht
von
Corinna Kuhr-Korolev und Ulrike Schmiegelt-Rietig
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Die historische Betrachtung von Zerstörung und Kulturraub in der von deutschen Truppen besetzten Sowjetunion ist in beiden Ländern geprägt von Abwehr, Ausblendungen und reflexhaft vorgebrachten Anschuldigungen. Dabei unterscheiden sich die Meinungen über das Schicksal der russischen Kunstverluste in Russland und Deutschland deutlich voneinander. Folglich gestaltet sich die Kommunikation zwischen Russen und Deutschen in den Fragen um zerstörte und geraubte Kunst schwierig, was nicht nur für die Verhandlungen um die sogenannte „Beutekunst“ gilt.
Das russische Kulturministerium hat einen 18-bändigen Verlustkatalog vorgelegt, in dem der gesamte Verlust an Kunstschätzen, Büchern und Archivalien auf 1.177.291 Sammlungseinheiten festgesetzt wird.[1] Noch vor kurzem bemerkte Julia Kantor, Mitarbeiterin der Eremitage und eine ausgewiesene Expertin in Sachen „Kunstraub“, dass nur eine sehr geringe Anzahl der von deutschen Einheiten abtransportierten Kulturgüter zurückgekehrt sei und dass die Suche nach dem Verbleib der Objekte intensiviert werden solle.[2]
Dagegen werden auf deutscher Seite nicht die Verlustziffern in Frage gestellt, jedoch auf die umfangreichen Rückgaben durch die Alliierten nach 1945[3] und mögliche Zerstörungen im Verlauf des Krieges verwiesen. Die Annahme der russischen Seite, es könnten sich noch einzelne Objekte in deutschen Sammlungen befinden, wird indes nicht geteilt.

Vor diesem Hintergrund ist durch den Deutsch-Russischen Museumsdialog, eine Initiative der Kulturstiftung der Länder, und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz das deutsch-russische Forschungsprojekt „Russische Museen im Zweiten Weltkrieg" konzipiert worden, das von der Volkswagen-Stiftung im Rahmen seiner Förderinitiative „Forschung in Museen“ unterstützt wird. Ziel des Forschungsprojektes ist es, die russischen Kunst- und Kulturverluste in einen historischen Kontext zu stellen.[4] Untersucht werden exemplarisch sechs Museumsorte, die sich unter militärischer Besatzung im Bereich der Heeresgruppe Nord befanden. Es handelt sich dabei zunächst um die prunkvollen, ehemaligen Zarenschlösser von Pavlovsk, Peterhof, Gatčina und Carskoe Selo. Diese Schlösser, alles Bauten aus dem 18. Jahrhundert mit umfangreichen Kunstsammlungen und wertvollen Einrichtungen, lagen bis auf Gatčina unmittelbar an der Frontlinie in den Vororten von Leningrad und waren damit durch Kampfhandlungen extrem gefährdet. Außerdem gilt das Interesse den Sammlungen der altrussischen Kultur- und Handelsmetropolen Novgorod und Pskov.

 

Karte des russischen Nordwestens mit zeitgenössischen Fotos der untersuchten Museumsorte
© Kuhr-Korolev unter Verwendung von maps.yandex.ru

 

Anhand neu erschlossener Quellen werden russische und deutsche Wissenschaftler/innen gemeinsam versuchen, das Schicksal der Sammlungen dieser Orte zu rekonstruieren. Dabei wird sehr viel stärker als in den bisher vorliegenden Forschungen auf biografisches Quellenmaterial zurückgegriffen. Die Konzentration auf einige wenige museale Orte erlaubt es, eine Alltagsgeschichte zu rekonstruieren, in der die Auswirkungen des Krieges auf das Leben der Museumsmitarbeiter/innen und das Schicksal der von ihnen betreuten Sammlungen vorstellbar wird. Der Zugang über Fallbeispiele ermöglicht zudem, die handelnden Personen auf deutscher Seite zu identifizieren, ihre Motivationen und Handlungsspielräume auszuloten und damit eine pauschalisierende Sicht auf den NS-Kunstraub zu überwinden. Es besteht die Hoffnung, auf diesem Wege Erklärungen für den Verlust von über einer Million Kunst- und Kulturgegenstände zu finden und neue Impulse für die zukünftige Suche nach diesen Objekten zu geben. Der folgende Text gibt Einblick in die laufende Arbeit des Projekts. Er handelt von der Lebensgeschichte der Direktorin des Schlosses Pavlovsk und dem Schicksal der von ihr betreuten Sammlungen und historischen Bauten.

Anna Zelenova – Lernen und Leben für die Museumsarbeit
Im Februar 2013 begingen die Museen in St. Petersburg den 100. Geburtstag von Anna Ivanovna Zelenova, der früheren Direktorin des Schlosses von Pavlovsk. Im Schloss selbst wurde bereits vor einigen Jahren in einem der Seitenflügel ihr früheres Arbeitszimmer als Gedenkraum gestaltet. Ein Porträt an der Wand zeigt Zelenova in der zweiten Hälfte ihrer „Regentschaft“ über das Schlossmuseum Pavlovsk. Die Requisiten ihrer Macht, Telefon und Stempel, sind auf dem Gemälde verewigt und zieren als Museumsstücke den schweren Schreibtisch, der bis zur Oktoberrevolution 1917 in einem Arbeitszimmer des letzten Zaren stand.

Gedenkraum für Anna Zelenova im Schloss Pavlovsk
© Kuhr-Korolev

Zelenova gehörte zu den Museumsmitarbeiterinnen, die vor dem Überfall der deutschen Truppen in einem der ehemaligen Zarenschlösser bei Leningrad arbeiteten, an den Evakuierungsmaßnahmen teilnahmen und nach dem Krieg den Wiederaufbau betrieben. Sie nimmt in der Geschichte der Schlösser jedoch eine besondere Stellung ein. So wird es vor allem ihr zugeschrieben, dass der Wiederaufbau der Schlösser und ihrer Parks bereits bei Kriegsende begann. Es ist wohl keine Legende, dass sie sich beherzt an das berüchtigte Ministerium Berijas, den NKVD[5], wandte und um Unterstützung bat. Schloss Pavlovsk konnte dank ihres Einsatzes als erstes der Leningrader Vorortschlösser im Jahr 1957 wieder eröffnet werden. Stand das Bild des zerstörten Schlosses und des Parks von Pavlovsk als Symbol für die Zerstörungswut und die Barbarei des deutschen Nationalsozialismus, so symbolisierte der aus den Ruinen errichtete Palast in der russischen Erinnerungskultur den Lebenswillen, die Aufbaukraft und die kulturelle Größe der Sowjetunion.[6]

 

   

Seitenflügel von Schloss Pavlovsk, Aufnahme vom Frühjahr 1944 (l.) © Archiv Schloss Pavlovsk     
Schloss Pavlovsk, Blick auf den mittleren Teil des Gebäudes (r.) © Kuhr-Korolev, 2013
                                               

Anna Zelenova, geboren 1913, wuchs in ärmlichen Verhältnissen in Leningrad auf. Ihre Mutter war Näherin und Fabrikarbeiterin, der Vater kümmerte sich bei einer Bank um die Wasserversorgung und das Heizungssystem. Zelenova nutzte die Bildungsmöglichkeiten, die sich nach der Oktoberrevolution für die unteren Schichten eröffneten. Mit  14 Jahren unterrichtete sie im Rahmen der Kampagne „Hinweg mit dem Analphabetismus“ als aktive Komsomolzin Erwachsene im Schreiben und Lesen. Nachdem der Vater krank und bettlägerig geworden war, verdiente sie neben dem Studium mit verschiedenen Schreibarbeiten den Lebensunterhalt für die Familie. Zunächst begann sie ein Maschinenbaustudium, wechselte dann aber an die kunsthistorische Abteilung der Fakultät für ausländische Sprachen an der Leningrader Universität. Sie sprach gut Deutsch und besaß englische und französische Sprachkenntnisse. Bei denkmalpflegerischen Aufgaben in Novgorod stürzte sie 1932 von einem Baugerüst und trug schwere Verletzungen davon. Einige Zeit konnte sie nicht laufen, später lernte sie es wieder mühsam, musste aber lange an Krücken gehen. Während ihrer Krankheit konzipierte sie kunsthistorische Führungen durch die Leningrader Museumssammlungen, die sie später auf die Sammlungen der Schlossmuseen ausdehnte. Sie begann schließlich ab 1934 als Museumsführerin im Schloss Pavlovsk zu arbeiten. Dort rückte sie schnell zur Leiterin des wissenschaftlichen Sektors auf. In dieser Funktion organisierte sie Restaurierungsarbeiten und nahm an der Generalinventarisierung teil.[7]

 

Porträts von Anna Zelenova 1938 und 1946
© Archiv Schloss Pavlovsk

 

Zwischen 1937 und 1939 wurden an allen Leningrader Vorortschlössern Inventarisierungen vorgenommen. Die Bestandsaufnahmen waren auch aufgrund der Verkäufe und Verluste der 1920er/1930er Jahre nötig, als die sowjetische Regierung in großem Umfang Kunstgegenstände gegen Devisen ins Ausland verkauft hatte.[8] Zudem hatten sich die Museumsmitarbeiter mit dem Ansinnen von Parteifunktionären oder anderen hochgestellten Persönlichkeiten arrangieren müssen, die ihre Arbeitszimmer oder Datschen mit Mobiliar aus den Beständen der Museen ausstatten wollten. Um ihre Unbestechlichkeit und ihren furchtlosen Einsatz für die Kunst zu belegen, wird über Anna Zelenova in diesem Zusammenhang eine Begebenheit erzählt. Dem Schriftsteller Aleksej Tolstoj, der eines Tages nach Pavlovsk kam und sich nach Mahagonimöbeln für seine Datscha in Detskoe Selo umsah, soll sie erklärt haben:
„Aleksej Nikolaevič! Sie haben sich in der Tür geirrt. Das ist kein Lager ihrer Dinge, sondern ein staatliches Museum und damit unantastbar. Ich bitte Sie sehr, sofort zu gehen und erst wiederzukommen, wenn Sie in ihrem Herzen den Unterschied zwischen diesen beiden Eigentumsformen verstanden haben.[9]

In letzter Minute – Evakuierungen und Schutzmaßnahmen
Vom Einmarsch der deutschen Truppen am 22. Juni 1941 erfuhr Zelenova während einer Schlossführung, die sie zu diesem Zeitpunkt in Oranienbaum bei Leningrad[10] durchführte. Zunächst half sie auf Anweisung der Leningrader Kulturbehörden, das Museum der Stadt Leningrad zu evakuieren. Anschließend wurde sie nach Pavlovsk abkommandiert, um die dortigen Evakuierungsmaßnahmen zu leiten. Gewisse Vorbereitungen für den Ernstfall waren zwar im Geheimen getroffen worden, so gab es Evakuierungslisten und eine beschränkte Zahl von Kisten, aber die zur Evakuierung bestimmten Exponate umfassten nur einen Bruchteil der Sammlung. Das Verpackungsmaterial reichte bei Weitem nicht aus. Wie für alle Museen galt auch für Pavlovsk, dass eine Einteilung der Sammlung nach Wert in sechs Klassen vorgenommen worden war. So zählten beispielsweise Edelmetalle zur ersten Kategorie und wurden vorrangig behandelt. Als Zelenova das Schloss erreichte, waren bereits alle tragbaren Objekte in das Erdgeschoss gebracht worden, wo sie zunächst nur gegen Bombensplitter geschützt werden sollten. Erst mit dem schnellen Vormarsch der deutschen Einheiten realisierten die Mitarbeiter, dass das Schloss tatsächlich vom Feind eingenommen werden könnte. Zelenova handelte entsprechend. Außer den wertvollsten Objekten versuchte sie auch, jeweils ein Exemplar von Möbelgarnituren, Stücke von Bezügen, Tapeten und Vorhängen mitzunehmen, um nach ihrem Beispiel später restaurieren zu können. In einem Album sammelte sie Informationen zur Wiederherstellung des Interieurs. Unter ständigem Artilleriebeschuss im August 1941 zeichnete beispielsweise eine Mitarbeiterin für diese Materialsammlung die Raffung des Baldachins über dem Paradebett der Zarin Marija Fedorovna in verschiedenen Ansichten. Skulpturen wurden im Park vergraben und entsprechende Lagepläne angefertigt. Besonders wertvolle antike Statuen fanden ihren Platz in einem der Kellergewölbe, dessen Zugang zugemauert und getarnt wurde.[11] In drei Partien wurden insgesamt 140 Kisten nach Gor’kij und Sarapul geschickt. Weitere 57 Kisten gingen nicht mehr ins Hinterland, sondern gelangten wie auch Objekte anderer Schlösser in die Isaakskathedrale in Leningrad. Am 14. und 15. September machte Zelenova ihre letzten Rundgänge. In zwei ausführlichen Berichten schilderte sie bis in jede Einzelheit den Zustand von Park und Schloss und verfasste eine Bilanz der Evakuierungen. Demnach waren 5.582 Objekte ins Hinterland und 2.247 Objekte nach Leningrad gebracht worden. Im Schloss verblieben 32.385 Objekte und weitere 12.000 Bücher aus der Rossi-Bibliothek;[12] außerdem Möbel, schwere Vasen, das wissenschaftliche Archiv, die Fotothek und zehn Kisten, die nicht mehr weggebracht werden konnten. Der Palast war Zelenovas Beschreibung nach kaum beschädigt. Die Fenster waren mit Holzbrettern zugenagelt und mit Sandsäcken geschützt. Für den Brandfall standen in allen Sälen Wassereimer und Kisten mit Sand bereit. Einige wenige Informationen lassen sich auch über den Zustand des Ortes entnehmen: „Das Wasserversorgungsnetz ist zerstört. […] Die Telefonverbindung und das Stromnetz wurden auch zerstört.[…] Die Keller des Schlossmuseums wurden als Luftschutzkeller benutzt, wo sich am 15. September 1941 850 Menschen befunden haben. […] Es gab keine Personen, die am 14. oder 15. wegfahren wollten, weil die Wege unter Beschuss standen, entweder vom Boden oder von der Luft aus.[13]
Am 16. September gegen Abend sichtete ein Mitarbeiter des Museums das erste deutsche Motorrad und unterrichtete Zelenova. Sie packte alle wichtigen Dokumente zusammen und verließ mit einem Mitarbeiter zu Fuß Pavlovsk. Nur mit Mühe erreichten sie am nächsten Morgen das etwa 30 km entfernte Leningrad.

Schloss Pavlovsk unter deutscher Besatzung
Die Einnahme Pavlovsks, bzw. Slutzks, wie der Ort seit 1918 hieß, erfolgte durch die 121. Infanteriedivision, die zu diesem Zeitpunkt dem XXVIII. Armeekorps unterstand. Westlich kämpfte sich die SS-Polizeidivision nach Puškin (das frühere Carskoe Selo) vor und nahm es am 17. September ein.[14] Bis zur Befreiung durch die Rote Armee am 24. Januar 1944, also zwei Jahre und vier Monate, blieb Pavlovsk unter deutscher militärischer Besatzung und befand sich dabei den gesamten Zeitraum über in unmittelbarer Frontnähe.

Zwar waren viele Menschen geflohen, einige Tausende jedoch befanden sich noch im Ort. Sie teilten in den kommenden Jahren das Schicksal der Zivilbevölkerung des besetzten Nordwestens Russlands: Evakuierungen, Hinrichtungen, Zwangsarbeit, Deportation zur Arbeit ins Deutsche Reich, vor allem aber Auszehrung und Tod durch die Hungersnot in der gesamten Region.
Extreme Nachschubprobleme und die Anordnung, dass sich die deutschen Truppen aus dem Land versorgen sollten, hatten zur Folge, dass der örtlichen Bevölkerung die Lebensgrundlagen nahezu vollständig entzogen wurden. Aufgrund der dadurch provozierten Hungersnot starb im Winter 1941/42 ein Großteil der verbliebenen Bevölkerung. Noch dramatischer gestalteten sich die Bedingungen im eingeschlossenen Leningrad. Die Opfer der Blockade werden auf insgesamt 1,2 bis 1,5 Millionen Menschen geschätzt.[15]

Während der deutschen Besatzung dienten zunächst Teile des Schlosses Pavlovsk als Unterbringungsort für den Stab der Division. Ende November 1941 besuchten Mitarbeiter des Einsatzstabes Reichsleiter Rosenberg (ERR) [16] aus Riga und Reval die Zarenschlösser und hinterließen umfassende Berichte darüber, wen und was sie dort vorfanden.[17] Ihr Interesse bestand darin, den Zustand der Bauten zu überprüfen und festzustellen, ob noch Kunstwerke, Aktenmaterial oder Bücher „gesichert“ werden müssten. Da eine Konkurrenz zu den mit „Kunstschutz“ beschäftigten Einheiten der Wehrmacht bestand, scheuten die Verfasser der Berichte sich nicht, negative Eindrücke deutlich zu benennen, um ihr Kompetenz in diesen Fragen herauszustellen. Im Gegensatz zu den anderen Schlössern, in deren Innenräumen sich ein Bild der Verwüstung bot, fanden sie Pavlovsk zum Zeitpunkt des ersten Besuchs jedoch in einem guten Zustand vor.
Gerd Wunder vom Sonderstab Bibliotheken verfasste eine eindrückliche Schilderung.[18] Bemerkenswert daran waren verschiedene Aspekte: Zunächst würdigte er ausdrücklich das Verhalten des Schlosskommandanten Hauptmann Guttmann, der das Schlossinventar vor Zugriffen von Offizieren und Soldaten schützte. Dies wies vor allem darauf hin, dass sich Kommandanten in der Regel anders verhielten und dem Schutz von Kunstgegenständen keine Aufmerksamkeit schenkten. Vor allem scheint es üblich gewesen zu sein, dass die Unterkünfte höherer Offiziere, Amtsstuben und Kasinos mit Inventar aus den Schlössern ausgestattet wurden. Quittungen, die es für solche Entnahmen gab, hatten in der Kriegssituation eine rein legitimatorische Funktion. Faktisch folgte aus dem Grundsatz, dass dem Bedarf der Truppe Priorität eingeräumt wurde, die Verschleppung von Kunstgütern. Dieser Tatbestand klingt in vielen Dokumenten an, wie auch Plünderungen, Zerstörungen und Aneignungen durch Angehörige der Wehrmacht am Rande erwähnt werden.[19] Wunder nannte in seinem Bericht jene Einheiten, die Teile der Sammlungen konfisziert und abtransportiert hatten. Im Fall Pavlovsk waren es das SS-Sonderkommando Künsberg und andere, nicht näher benannte Einheiten der SS. Beim SS-Sonderkommando Künsberg handelte es sich um eine Einheit, die seit 1941 der Waffen-SS zugeordnet war, aber dem Auswärtigen Amt unterstand. Es war mit der Sicherstellung von politisch relevanten Schriften, Dokumenten und Karten beauftragt. Wie im Fall Pavlovsk begnügten sich die Mitarbeiter des mit Fahrzeugen gut ausgestatteten Kommandos nicht immer mit diesen Materialien und raubten außerdem Bücher und Kunstgegenstände.[20] In Pavlovsk fanden sie die Rossi-Bibliothek, die 12.000 Bände umfasste, darunter viele wertvolle Bücher in westlichen Sprachen aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Die Bücher gelangten nach Berlin in ein Lager in der Hardenbergstraße 29a. Freiherr von Künsberg, der ambitionierte Leiter des Sonderkommandos, übergab Bücher aus diesem Bestand an deutsche Institutionen und einzelne Persönlichkeiten. So auch an den ehemaligen deutschen Botschafter Friedrich-Werner Graf von der Schulenburg.[21] Angesichts bestehender Absprachen beanspruchte der Einsatzstab Reichleiter Rosenberg die Bücher, die das Kommando Künsberg gesammelt hatte, für den Aufbau der „Hohen Schule“ und erhielt letztlich einen großen Teil von ihnen.[22] Wunder verwies in seinem Bericht ferner auf die Gemmensammlung von Pavlovsk, die von anderen SS-Einheiten konfisziert worden war. Konkret meinte er damit vermutlich Mitglieder der SS-Einsatzgruppe A und des SD, die aus seiner Sicht gar nicht befugt sein konnten, sich mit Kunst zu beschäftigen. In einem weiteren internen Fahrtbericht Wunders, in dem er organisatorische Probleme erläuterte und Schlüsse für die weitere Arbeit zog, bemerkte er dazu: „Was der SD geborgen hat (z. B. die Gemmensammlung in Pavlovsk), fällt außerhalb unseres Bereichs.[23] Dies ist ein in den Quellen sonst nicht überlieferter Hinweis darauf, dass sich die SS im Bereich der Heeresgruppe Nord bereicherte und außerhalb aller sonst bestehenden Absprachen agierte.

Wenn Schloss Pavlovsk im November 1941 einigermaßen unversehrt und ein großer Teil des Inventars noch vorhanden war, so änderte sich diese Situation im Laufe der kommenden Monate. Am 14.12.1941 brach in dem Flügel des Schlosses, der vom Stab der Division bewohnt wurde, ein Feuer aus, das erst am nächsten Tag gelöscht werden konnte.[24] Im Frühjahr 1942 fanden Truppenverschiebungen statt und die Belegung des Schlosses wechselte. Der Schutz der Gebäude und Kunstgegenstände hatte nun keine Priorität mehr, sodass der Verbindungsmann des Auswärtigen Amtes bei der 18. Armee, Reinhold von Ungern-Sternberg, in einem Bericht vom April 1942 feststellte, dass die Mehrzahl der Fenster zerschlagen und von der Inneneinrichtung nur ein unbedeutender Teil übrig geblieben sei.[25] Möglicherweise wurden im Laufe des Jahres 1942 auch noch einige Objekte durch die „Gruppe Sammeloffizier“ beim Oberkommando der Heeresgruppe Nord abtransportiert. Diese Einheit unterstand dem Frankfurter Museumsdirektor Ernstotto Graf Solms-Laubach und hatte ihren Sitz in Pskov (Pleskau).[26] Ein Abtransport ist zwar durch Dokumente nicht belegt, aber in einer Ausstellung mit Beutegut in Pskov sollen einige Stücke aus Pavlovsk zu sehen gewesen sein.[27] Nachdem alles Wertvolle abtransportiert war und sich schon seit Frühjahr 1943 andeutete, dass der Rückzug bevorstand, scheinen keine Bemühungen mehr erfolgt zu sein, die Schlösser vor Kriegszerstörung zu bewahren. Im Park von Pavlovsk lagen seit Herbst 1942 Einheiten der spanischen „Blauen Division“, über deren Umgang mit den eventuell noch verbliebenen Kunstwerken nichts bekannt ist. In Kreisen der deutschen militärischen Führung galten die spanischen Soldaten als undiszipliniert. So häuften sich in den deutschen Berichten Beschwerden über Plünderungen und  einen zu engen Kontakt mit der örtlichen Bevölkerung.[28]
Der Park verlor durch Kampfhandlungen nahezu vollkommen seine Gestalt. Ein Großteil des alten Baumbestands wurde gefällt oder durch Kämpfe zerstört. Vor dem bronzenen Denkmal der Zarin Marija Fedorovna war ein deutscher Soldatenfriedhof mit 2.000 Gräbern angelegt worden. Als die deutschen Truppen im Januar 1944 abzogen, ließen sie Park und Palast vermint zurück.

Museumsarbeit während der Leningrader Blockade
Anna Zelenova verbrachte die gesamte Zeit der deutschen Besatzung im eingeschlossenen Leningrad. Gemeinsam mit den Mitarbeiterinnen anderer Museen tat sie Dienst in der Isaakskathedrale, wo aus verschiedenen Museen Kisten mit Kunstobjekten untergestellt worden waren. Die Kathedrale war ungeheizt und feucht und somit für die Aufbewahrung von Kunstwerken schlecht geeignet. Im ersten Winter der Blockade fielen die Temperaturen in dem Bauwerk unter minus 20 °C.[29] Der Stab der Mitarbeiter wurde noch zu Beginn des Winters 1941 stark reduziert mit dramatischen Folgen für die entlassenen Museumsmitarbeiter. Ohne Arbeitsplatz erhielten sie keine Lebensmittelmarken und hatten praktisch keine Überlebenschancen. Anna Zelenova, die zur Direktorin von Pavlovsk ernannt worden war, bekam eine Zuteilung und hatte auch eine Wohnung in Leningrad. Dies bedeutete einen großen Vorteil gegenüber anderen Kollegen, die in der Kathedrale leben mussten. Dennoch überlebte sie den ersten Blockadewinter nur knapp. Im Januar/Februar 1941 erkrankte sie schwer und stand kurz vor dem Tod durch Auszehrung. Ein knapper Brief vom 22. Februar 1941 an den Kollegen Anatolij Kučumov[30], der für die Kunstgüter der Vorortschlösser am Evakuierungsort Novosibirsk verantwortlich war, lässt die verzweifelte Ausweglosigkeit ihrer Lage erahnen.
„Lieber Tolja! […] Es ist schwer in einem Brief zu schreiben, vor welchen Albträumen Sie sich und die Familie gerettet haben, indem Sie rechtzeitig abgereist sind… Trončinskij wird Ihnen alles detailliert darlegen. Was über uns schreiben?...die Zurückgebliebenen …. – wir hungern, warten auf den Tod … zittern bei den Kisten mit der bedauernswerten Anzahl geretteter Dinge…trauern um die Vororte, aus denen man uns beschießt… Wir träumen von jedem beliebigen Essen … beharken und verachten uns gegenseitig, denn die Zustände, in denen wir uns befinden, spotten jeder Beschreibung. Ich wünsche Ihnen, Tolja, dass Sie sich und die Familie erhalten, ich flehe Sie an, sorgen Sie um jeden Preis für Essensvorräte […].“[31]

Diesen Brief gab sie ohne Unterschrift durch jemanden mit. Anschließend befiel sie Sorge wegen der Offenheit, mit der sie darin ihre Lage geschildert hatte. In einem weiteren Brief vom 23. März 1942 relativierte sie:
„Lieber Anatolij! Mein erster persönlicher Brief an Sie musste ohne Unterschrift bleiben und ich hoffe sehr, dass bei Ihnen kein falscher Eindruck über unser Kollektiv entstanden ist. Indem ich unter anderem die ‚Schroffheiten‘ unserer Beziehungen aufzählte, wollte ich nur sagen, dass es sogar bei uns, wo insgesamt alle sehr friedlich miteinander leben, nicht alles ‚ohne Flecken‘ ist, aber der harte Winter 1942 und besonders seine ‚Prüfungen‘ haben uns einander sehr nahe gebracht und … schufen ein noch wärmeres Verhältnis zu den Genossen ‚an der Peripherie‘.“[32]

Im Frühjahr 1942 konnte die Rote Armee im Osten Leningrads entlang des Ladogasees einen schmalen Versorgungsweg aufbauen, über den mehr Nahrungsmittel in die Stadt gebracht wurden als zuvor über die sogenannte „Straße des Lebens“[33]. Es setzte auch eine Evakuierungswelle ein und einige der Museumsmitarbeiter, die den Winter überlebt hatten, verließen jetzt über diesen Weg die Stadt. Anna Zelenova sah es als ihre Pflicht an zu bleiben. Die Situation in der Stadt blieb dramatisch, aber durch die leicht verbesserte Versorgungslage erreichte die Sterblichkeitsrate nicht mehr das Niveau vom Winter 1941/42.[34] Aufgrund der Kälte und des fehlenden Heizmaterials waren in der ganzen Stadt die Wasserleitungen geplatzt. Als das Tauwetter einsetzte, führte dies zu Überschwemmungen. Die Keller der Isaakskathedrale, in denen Kisten lagerten, standen unter Wasser. Als es wärmer wurde, mussten die Kisten von den wenigen zurückgebliebenen, geschwächten Mitarbeiterinnen geöffnet und umgeräumt werden. Den Sommer über schleppten sie die Objekte ins Freie, um sie zu lüften; einige kamen in die Restaurierungswerkstätten der Eremitage.

Anna Zelenova nahm an diesen Arbeiten teil und betätigte sich auch sonst aktiv am trotzig wiederbelebten, kulturellen Leben der Stadt. Im „Erholungsgarten“ am Nevskij Prospekt organisierte sie das musikalische und das politische Programm, unter anderem mit kleinen Ausstellungen zum Alltag während der Blockade. Als die letzten Abwehrkämpfe der deutschen Truppen in der Region stattfanden, sammelten die in Leningrad verbliebenen Museumsleute Zeugnisse der Blockadezeit und übernahmen erbeutete deutsche Trophäen von den Truppen der Roten Armee. Ein Jahr lang waren diese Dinge im eigens geschaffenen „Museum der Verteidigung Leningrads“ ausgestellt. Die Glorifizierung Leningrads als Heldenstadt nahm damit noch während des Krieges ihren Anfang.

Von der Befreiung der Schlösser zum Wiederaufbau
Gleichzeitig begann unionsweit die Bestandsaufnahme der Zerstörungen und Verluste durch die Staatliche Außerordentliche Kommission.[35] Den ehemaligen Zarenschlössern sollten mehrere Bände gewidmet werden. Zelenova hatte in diesem Zusammenhang festzustellen, was von der Pavlovsker Sammlung verloren war und wie die Zerstörungen an Palast und Park zu bewerten waren. Bereits am 1. Februar 1944 fand eine Rundreise der Direktorinnen zu den Vorortschlössern statt. Am Vorabend schrieb Zelenova voller Aufregung einen Brief an Kučumov, in dem sie bemerkte:

„Über Pavlovsk weiß niemand etwas, außer, dass Diversanten am zweiten Tag nach der Vertreibung der Deutschen den Palast angezündet haben, der mit hellem Feuerschein drei Tage lang brannte (mit heftigen Explosionen im Feuer). Die Brücken auf dem Weg zum Palast sind zerstört. (Werde mich schwimmend dahin durchschlagen! Obwohl Sie ja die Slavjanka kennen, im Sommer kann ein Huhn sie durchqueren, da werde ich schon eine Furt finden!) – Schade, dass es wegen der Verminung überall nicht möglich sein wird, den gesamten Park abzufahren. (Ich befürchte, dass ich mich nicht zurückhalten kann und trotzdem losgehe… Eine Frage des Schicksals! – Wir hatten keine Angst, auf dem Nevskij zu gehen und das war eine zeitlang – in der Periode der täglichen Bombardierungen – nicht weniger gefährlich, als über ein Minenfeld zu gehen). Und dann ist es doch kaum möglich, sich zurückzuhalten und alle Verschläge, Lagerräume und Keller des Palasts abzugehen.“[36]

Tatsächlich gelang es ihr, bei dieser ersten Reise und einer folgenden eine Woche später einen umfassenden Eindruck von den Zerstörungen zu bekommen, In einem Bericht an das Amt für Kunstangelegenheiten beim Leningrader städtischen Exekutivkomitee schilderte sie Raum für Raum den Zustand des Palasts. Dabei zählte sie alles auf, was vernichtet worden war, vermerkte aber auch die Stuckverzierungen und jeden Wandschmuck, der noch existierte.
In dem Bericht wird ihr Dilemma deutlich: Einerseits musste das gesamte Ausmaß der Zerstörung zum Ausdruck kommen, andererseits wollte sie vermitteln, dass der Wiederaufbau des Palastes möglich sei. Während der Bericht selbst sachlich gehalten war, drückte sie ihre Niedergeschlagenheit in einem weiteren Brief an Kučumov aus:

„Es ist schrecklich, sich daran zu erinnern, was die Deutschen in Pavlovsk angestellt haben. Sie haben die Stadt geplündert und zerstört (von 1500 Häusern sind noch 211 heil. Die Bewohner haben sie schon im Dezember 1943 in ihr Hinterland getrieben, aber wer sich versteckte oder nicht wollte, den haben sie gehängt und noch jetzt sind Äste der Bäume abgebrochen und Seile baumeln an ihnen …) Alle Brücken sind gesprengt! Der Park ist abgeholzt […] Bunker, Bunker, Bunker, meistens unter die Wurzeln der besten Baumgruppen gegraben, und in den Bunkern traurige, verkrüppelte Reste von Dingen aus dem Schloss, von denen, die nicht gleich nach Deutschland abtransportiert wurden… […] Ich will Ihnen gar nicht aufzählen, was erhalten ist, denn das Erhaltene ist schlimmer als das Vernichtete. Mir wäre leichter, saubere Schneewehen zu sehen, als […] die schwarzen Reste des Palasts.“[37]

Trotz der eigentlich aussichtslosen Situation, dem Mangel an Wohnraum, Lebensmitteln, Baustoffen und Arbeitskräften nach dem Krieg, gelang es Zelenova, die Restaurierung in Angriff zu nehmen. Auch deutsche Kriegsgefangene – einstmals Sänger der Berliner Oper – halfen bei den Arbeiten, bei der Beseitigung von Schutt, der Aufstellung von Baugerüsten und der Errichtung eines Notdaches.[38] Die während der Evakuierung ausgelagerten Objekte kamen zurück nach Leningrad und wurden zunächst zusammen mit dem Inventar der anderen Schlösser in einem Zentraldepot unter Leitung von Kučumov aufbewahrt.[39] Hierher zurück kehrten auch Kunstschätze, die von deutschen Einheiten abtransportiert worden waren. Die größte Menge des NS-Raubguts fand sich in der amerikanisch besetzten Zone. Dort wurden die Kunstschätze in sogenannten Collecting Points zusammengeführt und in ihre Herkunftsländer zurückgeschickt.
Im Jahr 1947 gelangten vom Münchner Collecting Point über Berlin insgesamt vier Waggons mit 275 Kisten nach Leningrad.[40] Zelenova forschte nach Objekten in der näheren Umgebung und Kučumov reiste unter anderem ins Baltikum und brachte von dort verlorene Objekte zurück. In Riga fanden sich unter anderem ein Teil der Gemmensammlung und große Teile des gut erhaltenen Glasplatten-Fotoarchivs. Auch etwa die Hälfte der Bücher aus der Rossi-Bibliothek kehrte zurück. Sie waren im österreichischen Tanzenberg von den britischen Truppen aufgefunden worden.[41] Als Schloss Pavlovsk 1957 für die ersten Besucher die Türen öffnete, befand sich etwa die Hälfte der Sammlung wieder an ihrem alten Ort. Heute wird der Verlust der Jahre 1941-1945 mit 8.715 Objekten angegeben. Noch immer aber tauchen Objekte auf, die meist erst nach langwierigen Verhandlungen ihren Weg zurück nach Pavlovsk finden. So bemerkte ein Mitarbeiter der Eremitage bereits 1979 auf einer Ausstellung in Österreich die Bronzestatue „Fliegender Merkur“. Die zuständige Museumsleitung versuchte mehrfach zu erklären, dass die Bronze nicht aus Pavlovsk stamme. Erst dank einer genauen Untersuchung im Jahr 2002 ließ sich ein Detail feststellen, mit dem unzweifelhaft das Pavlovsker Eigentum bewiesen werden konnte. Es handelte sich dabei um eine Bruchstelle, die vor dem Krieg repariert worden war, worüber sich in den Pavlovsker Inventarbüchern ein Nachweis finden ließ. 2005 kehrte der „Fliegende Merkur“ zurück.[42] Im Falle einer Marmor-Vase, die vor einigen Jahren in Privatbesitz in Graz entdeckt wurde, gestaltet sich die Rückgabe äußerst schwierig.[43] Die Bücher aus der Rossi-Bibliothek jedoch, die Werner von der Schulenburg 1942 angenommen hatte, kehren auf Betreiben der Erben im Januar 2014 zurück nach Russland.[44] Die Übergabe findet anläßlich der Feierlichkeiten zum 70. Jahrestag der Befreiung des Schlosses statt.

Die Geschichte dieser Bücher bestätigt eine These, die sich im Zuge der Forschungen zu den „Russischen Museen im Zweiten Weltkrieg“ zunehmend verdichtet: Kunst wurde nicht nur gezielt durch entsprechend beauftragte Einheiten geraubt, sondern gelangte auch auf unterschiedlichste Weise in private Hände. Aneignungen durch Plünderung, Tausch oder auch Kauf sind wenig dokumentiert und finden in der deutschen Öffentlichkeit, deren Wahrnehmung auf spektakuläre Fälle von NS-Raubkunst fokussiert ist, kaum Beachtung. Interessant ist jedoch nicht nur die Frage, ob das Bernstein-Zimmer irgendwo im Verborgenen liegt. Ebenso sollten wir fragen, ob es in privater Hand in Deutschland oder in Österreich noch viele Kunstschätze aus Russland und Osteuropa gibt, die aufgrund eines „Sich-Nicht-Erinnern-Könnens-oder-Wollens“ in Kellern oder auf Dachböden verstauben? Die Suche nach solchen in Vergessenheit geratenen Gegenständen lohnt sich. Wer jemals erlebt hat, welche Freude die Rückkehr auch weniger bedeutender Kunstgegenstände an ihren Ursprungsort auslöst, weiß, dass es oft die kleinen Schritte sind, die den Dialog zwischen Russland und Deutschland befördern.
 




[1] Ministerstvo kul’tury Rossijskoj Federacii (izd.), Svodnyj katalog kuľturnych cennostej pochiščennych i utračennych v period Vtoroj mirovoj vojny, Moskva: GIVC Minkul’tury RF, 1999 – 2010. Die Ergebnisse sind auf der Internetseite www.lostart.ru zugänglich gemacht worden. Eine Einführung und eine Erläuterung der Verlustzahlen in deutscher Sprache finden sich unter http://www.lostart.ru/de/svodnyj_katalog/. Frühere Schätzungen der Verlustzahlen, die zum Ende des Krieges veröffentlicht wurden, waren deutlich höher. Mittlerweile sind nur noch Objekte enthalten, deren Verlust sich eindeutig belegen lässt. Das gesamte Ausmaß der Zerstörung von Kulturgütern und Kulturdenkmälern spiegeln diese Zahlen jedoch nicht wider. Nicht für alle Museen sind Kataloge erstellt worden. So fehlt beispielsweise ein Verlustkatalog für den Novgoroder Museumskomplex. In diesem Fall sind die Inventare im Krieg verloren gegangen, sodass sich die Verluste der Sammlungen nur schwer rekonstruieren lassen.
[2] Žanna Vasiľeva, Kogda Evropa bez granic… „Bronzovyj vek…“ ob‘‘jedinil pjat‘ muzeev Rossii i Germanii, in: Rossijskaja Gazeta vom 19.06.2013, unter: http://www.rg.ru/2013/06/19/bronzoviy-vek.html. Ulf Mauder, Mehr Rücksicht auf russische Interessen nehmen (Interview mit Julia Kantor), in NWZ vom 22.06.2013, unter: http://www.nwzonline.de/interview/mehr-ruecksicht-auf-russische-interess....
[3] Vgl. Wolfgang Eichwede, Ulrike Hartung (Hrsg.), Property Cards Art, Claims und Shipments auf CD-ROM. Amerikanische Rückführungen sowjetischer Kulturgüter an die UdSSR nach dem Zweiten Weltkrieg, Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen, Bremen 1996.
[4] Vgl. Antrag Russische Museen im Zweiten Weltkrieg – Die Geschichte der Museumsstädte Novgorod und Pskov sowie der Zarenschlösser Carskoe Selo, Peterhof, Gatčina und Pavlovsk und ihrer Sammlungen von 1941 bis in die frühen 1950er Jahre, Kurzpräsentation unter: http://www.kulturstiftung.de/aufgaben/deutsch-russischer-museumsdialog/r....
[5] NKVD: Narodnyj komissariat vnutrennych del, Volkskommissariat für innere Angelegenheiten.
[6] Vgl. Nikolaj Treťjakov, GMZ „Pavlovsk“. Pavlovskij dvorec. Predislovie, in: Svodnyj katalog. T. 2. Moskva 2000, S. 3-6; Ders.: Prigorodnye dvorcy-muzei Leningrada. Vojna i pobeda. Sankt Peterburg: GMZ Pavlovsk, 2008; Anatolij M. Kučumov, Pavlovsk. Putevoditeľ po dvorcu-muzeju i parku, Leningrad 1970; Susanne Massie, Pavlovsk – The Life of a Russian Palace, London 1990.
[7] Vgl. Adelaida Elkina, Sdelajte ėto dlja menja, St. Petersburg, 2005.
[8] Zu den Vorkriegsverkäufen vgl. Waltraud Bayer (Hrsg.), Verkaufte Kultur: Die sowjetischen Kunst- und Antiquitätenexporte, 1919-1938, Frankfurt a. M. 2001; Anatolij Kučumov, Staťi, vospominanija, pis’ma, Sankt Petersburg, 2004, S. 41-57; Rifat R. Gafifullin, Komissija Gosfondov. „Vnutrennyj ėksport“ iz prigorodnych dvorcov-muzeev, 1922-1934gg., in: Pavlovsk. Imperatorskij dvorec. Stranicy istorii, hrsg. von N. S. Tret‘jakov, St. Petersburg 2004, S. 232-241.
[9] Elkina, Sdelajte, S. 61.
[10] In Oranienbaum (seit 1948: Lomonosov), 40 km westlich von St. Petersburg am Finnischen Meerbusen gelegen, befindet sich eine Schlossanlage aus dem 18. Jahrhundert. Das Gebiet um Oranienbaum wurde im Zweiten Weltkrieg nicht von deutschen Truppen besetzt.
[11] Vgl. Elkina, Sdelajte, S. 93-119.
[12] Vgl. Anna Zelenova, Otčet o sostojanii muzejno-parkovogo chozjajstva na 15 sentjabrja 1941 goda, in: Elkina, Sdelajte, S. 383-386. Über die genauen Zahlen von vorhandenen und später verlorenen Objekten gibt es unterschiedliche Angaben. Im Verlustkatalog, der zwischen 2006 und 2012 entstand, ist die Rede von 22.133 Objekten, die sich vor Kriegsbeginn im Palast befanden. Vgl. Kuľturnye cennosti – Žertvy vojny, Tom 2, unter http://www.lostart.ru/catalog/ru/tom2/ (12.09.2013).
[13] Elkina, Sdelajte, S. 384.
[14] Vgl. Jürgen Kilian, Wehrmacht und Besatzungsherrschaft im Russischen Nordwesten 1941 - 1944. Praxis und Alltag im Militärverwaltungsgebiet der Heeresgruppe Nord, Paderborn u. a. 2012; Johannes Hürter, Die Wehrmacht vor Leningrad. Krieg und Besatzungspolitik der 18. Armee im Herbst und Winter 1941/42, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 49 (2001), S. 377-440; Friedrich Husemann, Die guten Glaubens waren, Geschichte der SS-Polizei-Division (4. SS-Polizei-Panzer-Grenadier-Division), Band I, 1939-1942, Osnabrück 1971, S. 111-114.
[15] Vgl. Jörg Ganzenmüller, Das belagerte Leningrad 1941-1944. Die Stadt in den Strategien von Angreifern und Verteidigern, Paderborn u. a. 2005, hier S. 254. Ganzenmüller erläutert in seiner sehr gründlichen Arbeit die „Hungerstrategie“ der deutschen Führung und beschreibt auf der Basis deutscher militärischer Quellen die Situation im besetzten Gebiet um Leningrad. Gleichzeitig bietet er eine detaillierte Untersuchung der wirtschaftlichen, politischen und sozialen Lage in Leningrad während der Blockade. Grundlegend zur deutschen Besatzungspolitik in der Sowjetunion: Dieter Pohl, Die Herrschaft der Wehrmacht. Deutsche Militärbesatzung und einheimische Bevölkerung in der Sowjetunion 1941-1944, München 2009.
[16] Der Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg (ERR) unterstand im weitesten Sinne dem von Alfred Rosenberg geführten Außenpolitischen Amt der NSDAP. Die ursprüngliche Aufgabe des ERR bestand in der Materialbeschaffung für die sogenannte „Hohe Schule“, die als zentrale nationalsozialistische Lehr- und Forschungsstätte geplant war. Seit Sommer 1940 existierte in Paris eine Dienststelle Westen, deren Mitarbeiter nicht nur Archive und anderes Schriftgut zur Auswertung beschlagnahmten, sondern auch aktiv am Abtransport von Kunstsammlungen beteiligt waren. Unter Leitung des 1941 gegründeten und ebenfalls Rosenberg unterstellten Reichsministeriums für die besetzten Ostgebiete agierten während des Krieges Hauptarbeitsgruppen des ERR im Baltikum, Weißrussland und der Ukraine. Das Aufgabenspektrum umfasste wiederum die „Sicherung“, Sichtung und den Abtransport von Archiven, Bibliotheken und Kunstsammlungen, aber auch die „Feindforschung“. Vgl. Gabriele Freitag, Andreas Grenzer, Der nationalsozialistische Kunstraub in der der Sowjetunion, in: Wolfgang, Eichwede; Ulrike Hartung, „Betr.: Sicherstellung“. NS-Kunstraub in der Sowjetunion, Bremen 1998, S. 20-66; Patricia Kennedy Grimsted, Reconstructing the Record of Nazi cultural plunder. A survey of the dispersed archives of the Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg (ERR). Research Paper 47 (Amsterdam, IISG, 2011), online unter: www.iisg.nl/publications/errsurvey/; Anja Heuss, Kunst- und Kulturgutraub. Eine vergleichende Studie zur Besatzungspolitik der Nationalsozialisten in Frankreich und der Sowjetunion, Heidelberg 2000.
[17] Vgl. CDAVO (Zentrales Staatsarchiv der Ukraine), f. 3676, op. 1, d. 148 und 149.
[18] CDAVO, f. 3676, op. 1, d. 148, ll. 1-5, hier 3.
[19] Vgl. dazu beispielsweise die Reiseberichte anderer Mitarbeiter des ERR, die zeitgleich mit Wunder im Gebiet der Heeresgruppe Nord unterwegs waren: CDAVO, f. 3676, op. 1, d. 148 und 149.
[20] Vgl. Ulrike Hartung, Raubzüge in der Sowjetunion: das Sonderkommando Künsberg 1941 - 1943, Bremen 1997.
[21] Vgl. Hartung, Raubzüge, S. 106f. Der Briefwechsel zwischen von Künsberg und von der Schulenberg sowie die Liste der übergebenen Bücher befinden sich im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes, PA-R-27558. Abdruck der Dokumente bei Hartung, Raubzüge, S. 88f.
[22] Vgl. Hartung, Raubzüge, S. 53-57.
[23] CDAVO, f. 3676, op. 1, d. 149, ll. 265-284, hier 283.
[24] Militärarchiv Freiburg, RH 26-121/16, KTB III vom 27.9.1941-30.4.1942, Kdo. 121. Inf. Div. (Fü. Abt.).
[25] PA-AA, R. 60768 (LS v. Ungern-Sternberg), Bericht „Der Zustand der ehemaligen Zarenschlösser bei Petersburg“ vom 06.04.1942.
[26] Laut Stellenbesetzungslisten der Heeresgruppe Nord bestand die „Gruppe Sammeloffizier“ vom 1.10.1941- 31.03.1944 (R 19 III/511). Berichte der Gruppe sind im Militärarchiv in Freiburg nicht erhalten. Unter der Leitung von Solms-Laubach erfolgte auch der Abtransport des Bernsteinzimmers aus dem Katharinenpalast in Carskoe Selo, weshalb sich um seine Person und seine Tätigkeit während des Krieges eine Vielzahl von Geschichten rankt.
[27] Vgl. Theodor Müller, Ein Museum in Pleskau. Die deutsche Wehrmacht rettet Kunstschätze – Kulturgut aus Zarenschlössern und Kirchen, in: Revaler Zeitung vom 19. Mai 1943.
[28] Militärarchiv Freiburg, RH 19-III/ 774.
[29] Eine eindrückliche Schilderung der Blockadezeit findet sich bei Elkina, da hier Tagebuchaufzeichnungen von Zelenova veröffentlicht sind, die das Grauen des Blockadealltags im Detail deutlich machen, S. 121-144. In der älteren Erinnerungsliteratur überwiegt die Betonung des heldenhaften Überlebens: vgl. Marina A. Tichomirova, Pamjatniki, ljudi, sobytija. Iz zapisok muzejnogo rabotnika, 2. ergänzte Auflage, Leningrad, 1984, S. 5-135; Anna Zelenova, Snarjady rvutsja v Pavlovsk, in: Podvig veka. Chudožniki, skuľptory, architektory, iskusstvovedy v gody velikoj otečestvennoj vojny i blokady Leningrada, hrsg. v. Nina N. Papernaja, Leningrad 1969, S. 20-30.
[30] Anatolij Michajlovič Kučumov (1912-1993) war zum Zeitpunkt des deutschen Einmarsches der Direktor des Aleksandr-Palasts von Puškin und übernahm die Evakuierung der Kunstgüter von Puškin. Im Juli 1941 wurde er zum verantwortlichen Kustos aller aus den Leningrader Vorortschlössern evakuierten Kunstschätze ernannt. Bis zum Frühjahr 1944 befand er sich in Novosibirsk, wo der Großteil der Bestände untergebracht war. Kučumov nahm nach seiner Rückkehr nach Leningrad an der Bestandsaufnahme der Verluste teil. Auf Reisen innerhalb Russlands, im Baltikum und im Königsberger Gebiet suchte er nach verschleppten Kunstgütern. Im September 1945 wurde ein Zentraldepot der Vorortschlösser gegründet, in dem die rückkehrenden Kunstgüter verzeichnet und zwischengelagert wurden. Als Direktor dieses Depots reiste Kučumov nach Berlin und übernahm dort die durch die Allierten aufgefundenen und restituierten Kulturgüter. Von 1956 an, als das Zentraldepot mit dem Museum Schloss Pavlovsk vereinigt wurde, bis zur Pensionierung 1977 arbeitete Kučumov als Hauptkustos.
[31] Zelenova, Staťi, S. 115.
[32] Zelenova, Staťi, S. 115.
[33] Als „Straße des Lebens“ wurde der Weg über den gefrorenen Ladogasee bezeichnet.
[34] Vgl. Ganzenmüller, Das belagerte Leningrad, S. 102f., zu Evakuierungen S. 136-140.
[35] Vgl. Grigorij Koslow, Wie und mit welchem Ziel Stalin seine Kulturverluste im Krieg zählte, in: Eichwede, Hartung, Betr. Sicherstellung, S. 141-160.
[36] Elkina, Sdelajte, S. 133.
[37] Elkina, Sdelajte, S. 135-136.
[38] Vgl. Elkina, Sdelajte, S. 211-278.
[39] Vgl. M. S. Zinič, Dejateľnosť centraľnogo chanilišča muzejnych fondov po vozvroščeniju propavšich muzejnych cennostej: predvariteľnoe issledovanie, unter: http://www.lostart.ru/ru/studys/?ELEMENT_ID=1094.
[40] Vgl. zur Rückführung: Ulrike Hartung, Der Weg zurück: Russische Akten bestätigen die Rückführung eigener Kulturgüter aus Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg. Probleme ihrer Erfassung, in: Eichwede, Hartung, „Betr.: Sicherstellung“, S. 209-221; Zinič, M. S., Pochiščennye sokrovišča: Vyvoz nacistami rossijskich kul'turnych cennostej, Moskau, 2005, S. 85-185.
[41] Vgl. Patricia Kennedy Grimsted, Ot Jantarnoj komnaty k knigam iz russkich imperatorskich dvorcov: identifikacija i rekonstrucija peremeščennych kul'tur’ych cennostej, unter: http://www.lostart.ru/ru/studys/?ELEMENT_ID=1110.
[42] Vgl. Beitrag von N. I. Nikandrov unter: http://www.lostart.ru/ru/restore/detail.php?ID=977.
[43] Vgl. Tim Neshitov, Die Geschichte von der verschwunden Vase, in: Süddeutsche Zeitung vom 24. Juni 2013.
[44] Vgl. Tim Neshitov, Die verlorenen Bücher kehren heim, in: Süddeutsche Zeitung vom 24. Juni 2013. Dem Autor wurden für den Artikel Materialien des Projekts „Russische Museen im Zweiten Weltkrieg“ zur Verfügung gestellt. Die Dokumente wurden bereits in den 1990er Jahren von der Arbeitsgruppe zur Erforschung der sowjetischen Kulturverluste an der Forschungsstellung Osteuropa unter Leitung von Prof. Dr. Wolfgang Eichwede entdeckt, von Ulrike Hartung publiziert und auch der Familie von der Schulenburg zugänglich gemacht. Die Bücher wurden am 18. November 2013 in Leipzig bei der 4. Jahrestagung des Deutsch-Russischen Bibliotheksdialogs an Aleksej Guzanov, den Hauptkustos des Schlossmuseums Pavlovsk, übergeben.