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Der Jüdische Friedhof von Vălcineţ, 13. Juni 2017, © Maren Röger

Der Jüdische Friedhof von Vălcineţ, 13. Juni 2017, © Maren Röger

Gefährdetes jüdisches Erbe im „Armenhaus Europas“
Institutionelle Blockaden und individuelle Lösungen der Friedhofspflege in der Republik Moldau
von
Gaëlle Fisher und Maren Röger
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Veröffentlicht am 15. November 2017

Bereist man heute die Republik Moldau, stößt man unweigerlich auf Spuren vergangenen jüdischen Lebens. Traditionelle Häuser, Synagogen und nicht zuletzt über sechzig jüdische Friedhöfe säumen die eindrucksvolle Landschaft „wie Steine an einer Küste“ [1]. Einige liegen über Dörfern an Flussufern, auf sanft geschwungenen Hügeln; andere mitten in Städten wie in der Hauptstadt Chisinau. Diese Orte sind sehr eindrucksvoll, aber viele von ihnen bieten auch ein trauriges Bild. Die Grabsteine sind häufig von Gras überwuchert oder ganz in einem Wald verschwunden. Zwar werden jüdische Friedhöfe traditionell nicht regelmäßig besucht beziehungsweise auf andere Art und Weise gepflegt als christliche Friedhöfe, doch fungieren Friedhöfe in Ostmitteleuropa nicht nur als sakrale Stätten, sondern auch als steinerne Zeugnisse. Sie erzählen von der jüdischen Kultur in der Region, die durch die Vernichtung der JüdInnen im Holocaust und spätere Emigrationswellen weitgehend verschwunden ist. Zudem machen Massengräber aus der Zeit des Holocausts oder im Nachhinein errichtete Gedenksteine und symbolische Gräber für die Ermordeten die Friedhöfe oft zu Orten des Gedenkens an die Shoah. Wie Christian Herrmann, ein deutscher Fotograf, der seit Jahren durch Ostmitteleuropa reist, um jüdische Orte zu fotografieren, es ausdrückt, bieten diese Friedhöfe „a kaleidoscopic view of beauty and horror”.[2]

Die Friedhöfe zu erhalten und zu pflegen wäre in vielerlei Hinsicht wichtig. Doch die Republik Moldau steht - vielleicht noch mehr als andere Länder in Ostmitteleuropa - vor einer schwierigen Aufgabe: Angesichts der prekären wirtschaftlichen Situation steht die Pflege des kulturellen Erbes im Land nicht gerade an erster Stelle – weder für die Autoritäten noch für die BürgerInnen. Die sozioökonomischen Kennziffern der Republik sind fatal: Nach dem Zerfall der Sowjetunion brach die Wirtschaft zusammen, und die Arbeitslosigkeit stieg stark an. Viele Arbeitssuchende verlassen das Land seitdem in alle Richtungen, da ausreichende Verdienstmöglichkeiten in Moldawien schwer zu finden sind. Fünfzig Euro pro Monat beträgt die durchschnittliche Rente. Viele Moldauer begrüßen in der Hoffnung auf wirtschaftliche Hilfe die Annäherung an die EU, doch das Land ist durch den frozen conflict mit dem abtrünnigen Transnistrien politisch blockiert. Die letzte Parlamentswahl zeigte jedoch, dass auch die Nähe zu Russland gesucht wird. Politische wie ökonomische Perspektiven sind also aktuell nur in begrenztem Umfang vorhanden.

Unsere Reise auf den Spuren des rumänischen Holocaust, die wir im Juni 2017 in der Republik Moldau unternommen haben[3], machte uns deutlich, welche Probleme die Arbeit auf den Friedhöfen zusätzlich erschweren. Das Klima, das ausgewogene Wechselspiel von Regen und Sonnenschein, trägt dazu bei, dass die Friedhöfe immer wieder schnell überwuchern. Die Pflege gleicht einer Sisyphos-Arbeit. Zudem sind die Verantwortungsbereiche nicht einheitlich geregelt: Mal sind die Kommunen für die Instandhaltung zuständig, mal die jüdischen Gemeinden – sofern vor Ort noch welche bestehen. Wie unterschiedlich die Pflege der jüdischen Friedhöfe in der Republik Moldau gehandhabt wird, wollen wir anhand von drei Beispielen skizzieren.

Chişinău
Die Hauptstadt Chişinău war zu Beginn des 20. Jahrhunderts mehrheitlich von JüdInnen bewohnt. Durch ein Pogrom im April 1903 erlangte sie traurige Berühmtheit. Bei unserem Besuch im Juni 2017 ist der jüdische Friedhof in einem jämmerlichen Zustand: Weite Teile sind von Pflanzen überwuchert und zahlreiche leere Alkoholflaschen sowie die Spuren eines Lagerfeuers kennzeichnen die Ruhestätte als regelmäßig missbrauchten Treffpunkt. Sturmschäden aus dem Januar waren noch nicht beseitigt, sodass einige Abschnitte des etwa 100 Hektar großen Areals nicht zugänglich waren. Zudem wurden einzelne Gräber durch antisemitische Schmierereien entwürdigt. Ganz offensichtlich zeigt die städtische Verwaltung, unter deren Verantwortung der Friedhof steht, kein Interesse an dessen ordnungsgemäßer Pflege. Private Initiativen werden von der Verwaltung sogar blockiert. Neben dem allgegenwärtigen Problem der Misswirtschaft und Korruption mag sich hier auch eine geschichtspolitische Dimension ausdrücken.

Der jüdische Friedhof in Chisinau, 18. Juni 2017, © Maren Röger Der jüdische Friedhof in Chişinău, 18. Juni 2017, © Maren Röger

 

Antisemitischer Vandalismus auf dem jüdischen Friedhof von Chisinau, 18. Juni 2017, © Maren Röger Antisemitischer Vandalismus auf dem jüdischen Friedhof von Chişinău, 18. Juni 2017, © Maren Röger

 

Edineţ
Im Gegensatz zu Chişinău machten die Friedhöfe in kleineren Orten einen besseren Eindruck. Dort wird den Problemen mit individuellen, kreativen Lösungen begegnet. In Edineţ, einer kleinen Stadt im Norden des Landes, liegt die Verantwortung für die Pflege des jüdischen Friedhofs mit circa 3000 Gräbern in den Händen eines nicht-jüdischen Paares. Von der jüdischen Gemeinde vor Ort erhält der 60-jährige Valery K. eine kleine Summe und das Recht, auf dem Gelände des Friedhofs Lebensmittel anzubauen; auch von den gelegentlichen BesucherInnen bekomme er Geld. Während er unsere kleine Gruppe mit Vergnügen über das Gelände führte, arbeitete seine Frau auf dem Feld. Beide leben in einem winzigen Haus auf dem Friedhof.

Der jüdische Friedhof in Edinet, 13. Juni 2017, © Maren Röger Der jüdische Friedhof in Edineţ, 13. Juni 2017, © Maren Röger

 

Valery K. auf dem Friedhof, 13. Juni 2017, © Maren Röger Valery K. auf dem Friedhof in Edineţ, 13. Juni 2017, © Maren Röger

 

Vălcineţ
Auf dem Vălcineţ-Friedhof in der Nähe von Otaci wurde eine andere Lösung praktiziert. Eine ukrainische Familie, deren Gehöft früher direkt auf dem Friedhofsgelände lag, ist hier für die Instandhaltung zuständig. Die in den 1980ern eingeheiratete Ehefrau erklärte uns, die Pflege des Friedhofs obliege seit ungefähr den 1960er Jahren der Verantwortung ihrer Familie: Damals sei der Eingang des Friedhofs verlegt worden, sodass das Bauernhaus der ukrainischen Familie quasi an der Stelle eines Pförtnerhäuschens stand. Da es in Otaci nach dem Holocaust und der Emigration vieler verbleibender (oder neu zugewanderten) JüdInnen keine Gemeinde mehr gibt, engagieren sich die Otaci-JüdInnen aus dem Exil für das Kulturerbe. Früher habe die Familie für jedes Grab separat von Familienmitgliedern Geld bekommen, doch seit einiger Zeit erhalte sie für die Friedhofspflege „aus Israel“ pauschal circa 1000 Dollar pro Jahr.[4] Zudem darf auch diese Familie auf dem Gelände ihr Gemüse anbauen und Kirschen von den zahlreichen Obstbäumen ernten. Für moldauische Verhältnisse ist dies verhältnismäßig viel. Doch reicht es nicht aus, um auch die junge Generation dieser Familie vom Auswandern abzuhalten. Die Pflege des jüdischen Friedhofs als familiäre Tradition findet damit ein Ende.

Der Jüdische Valcinet-Friedhof, 13. Juni 2017, © Maren Röger Der Jüdische Friedhof von Vălcineţ, 13. Juni 2017, © Maren Röger

 

Wie die angeführten Beispiele zeigen, gibt es in der Republik Moldau keine einheitliche Politik zur Pflege der oft verlassenen jüdischen Friedhöfe. Internationale Workcamps, in denen die TeilnehmerInnen Friedhöfe instand setzen, leisten wertvolle Arbeit bei der Verzeichnung des Kulturerbes, bringen aber nur punktuelle Erleichterung. Selbst dort, wo momentan lokale, individuelle Lösungen funktionieren, sind diese keineswegs dauerhaft gesichert. Im Feld bewirken Einzelpersonen und -initiativen durchaus Beachtliches. Unser temporärer Guide, Irina Shikhova zum Beispiel, Leiterin des Jüdischen Museums in Chişinău und Wissenschaftlerin an der Moldauischen Akademie der Wissenschaften, führt immer häufiger Gruppen von ‚roots tourists‘ durch die Region. Im Ausland und im Netz macht sie auf das jüdische Erbe aufmerksam. Oder der pensionierte Lehrer Yuri Zagorcea, auf dessen Initiative mehrere Holocaust-Gedenkorte in Edineţ zurückgehen. Doch insgesamt bleibt in der Republik Moldau der öffentliche Umgang mit der jüdischen Geschichte des Landes und geschweige denn mit dem Holocaust ambivalent.[5]

Für den Erhalt des jüdischen Erbes bedarf es dauerhafter Lösungen, die jedoch oft teuer sind. Für einen Staat, der seinen Menschen kaum eine menschenwürdige Gesundheitsversorgung bieten kann, sind diese finanziell schwer realisierbar. Während es unter den Nachkommen im Ausland häufig an Koordination mangelt, um das jüdische Erbe zu erhalten, fehlt bei den internationalen jüdischen Organisationen der politische Wille. Zwar engagieren sich internationale jüdische AkteurInnen finanziell in der Republik Moldau, doch fördern sie eben auch die Auswanderung. Das jüdische Erbe zu erhalten und den Holocaust aufzuarbeiten, lastet in der Republik Moldau so zu einem großen Teil auf den Schultern zivilgesellschaftlicher Initiativen und somit bleibt die Chance, in Zukunft Spuren jüdischen Lebens zu finden, unsicherer denn je.




[1] Simon Geissbühler, Like Shells on Shore: Synagogues and Jewish Cemeteries of Northern Moldavia (Bern: Selbstverlag, 2010).
[2] Christian Herrmann, East of Lviv through Galicia, in:Vanished World July 19, 2017 (accessed 2.11.2017).
[3] Für die Unterstützung der Reise bedanken wir uns bei der Holocaust Education Foundation der Northwestern University und dem Bukowina-Institut an der Universität Augsburg.
[4] Die Summen sind angesichts der wirtschaftlichen Situation gut, aber auch keine Lebensperspektive. Entsprechend berichtete uns Efim Vigodner, der Vorstand der jüdischen Gemeinde in Bershad – auf der anderen Seite des Nistru, in der Ukraine – es sei schwierig, die richtigen, arbeitswilligen Personen zur Friedhofspflege zu finden. Auch dort waren Teile des jüdischen Friedhofs schon komplett im Wald versunken, andere von Büschen überwachsen, während andere Teile gut gepflegt waren.
[5] Vladimir Solonari, “From silence to justification?: Moldovan historians on the holocaust of Bessarabian and Transnistrian Jews,” Nationalities Papers, 30:3 (2002): 435-457, DOI:10.1080/0090599022000011705; Diana Dumitru, “The Evolution of Holocaust Studies in Moldovan Historiography: 1991–2017,” Dapim: Studies on the Holocaust, 31:2 (2017):155-164, DOI: 10.1080/23256249.2017.1346866.