Gabriele Metzler ist seit November 2025 Direktorin des Leibniz-Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam und Professorin für Zeitgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin.
zeitgeschichte|online: Sie sind, nach knapp dreißig Jahren, die erste Direktorin des Leibniz-Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam. Wie kamen Sie bis hierhin? Welche Hindernisse, aber auch welche Förderungen haben Ihren Weg geprägt?
G. M.: Die wichtigste Unterstützung, die ich hatte, kam immer von meiner Familie. Ich hatte sehr ermutigende und unterstützende Eltern, die selbst keine Akademiker waren, aber es unglaublich unterstützt haben, dass ihre Kinder studieren. Mir wurde viel Vertrauen mitgegeben, dass all das schon richtig ist, was ich mache. Später war es mein Mann. Aber auch meine Schwiegereltern haben geholfen, dass ich meinen Beruf mit Kindern vereinbaren konnte.
Dass ich mir etwas zugetraut habe, im Rahmen meines Studiums, verdanke ich zudem der Studienstiftung. Ich bin über einen Vorschlag meiner Schule dort aufgenommen worden und habe die Studienstiftung als eine Ansammlung von Menschen erlebt, die mir in allem geholfen haben, was ich im Studium tun wollte. Und auch hier wurde viel Vertrauen in mich gesetzt und mir wurde signalisiert: Es ist gut, was du machst, trau dir ruhig was zu. Ich selbst wäre zunächst nie auf die Idee gekommen, eine Karriere in der Wissenschaft anzustreben und Professorin zu werden. Das war ganz weit weg.
Und schließlich ist ja auch immer viel Glück im Spiel, das darf man, glaube ich, nicht geringschätzen. Es bedeutet viel, einfach im richtigen Moment am richtigen Ort zu sein. Dann allerdings muss man zupacken und die Chance wahrnehmen, wenn sie sich einem bietet, auch wenn das mit großen Anstrengungen verbunden war, mit jahrelangem Pendeln und etlichen Ortswechseln etwa.
Bis zur Promotion habe ich alle immer als sehr freundlich und zugewandt erlebt. Danach ging es deutlich rauer zu. Diesem „Wettbewerb“ muss man nervlich gewachsen sein und vor allem muss man auch einfach durchhalten wollen. Ich kann es nicht schönreden, das war keine ganz einfache Phase, zumal ich in dieser Zeit meine Kinder bekommen habe, oder besser, wir unsere Kinder bekommen haben. Da hat enorm geholfen, dass ich in meinem Institut großartige Kolleg:innen hatte. Die steckten auch in ihren Habilitationsprojekten, aber es haben sich statt Konkurrenzen tiefe Freundschaften entwickelt.
Es hat sehr lange gedauert, bis ich auf eine Professur berufen wurde, ich war bestimmt zwölf- oder dreizehnmal zum Vorsingen. Auch das war überhaupt kein Vergnügen, bis es dann an der Humboldt-Uni gut ausgegangen ist. Das hat mich dann sehr schnell mit dem schwierigen Weg versöhnt.
Es braucht also am Ende eine Mischung, man braucht wirklich Menschen um sich herum, die Vertrauen haben, die einen unterstützen, und dann braucht es auch schlicht und einfach eine gewisse Entschlossenheit, den Willen, Chancen wahrzunehmen und manchmal einfach Glück. Und meine Kinder haben mir sehr geholfen, in der wissenschaftlichen Karriere nicht das Wichtigste in meinem Leben zu sehen.
zeitgeschichte|online: Sie waren von 2008 bis 2010 Frauenbeauftragte an der Philosophischen Fakultät der Humboldt-Uni. Wie würden Sie diese Zeit aus der Rückschau betrachten?
G. M.: Ich bin 2007 an die Humboldt-Universität berufen worden und das erste Amt, das ich dort übernommen habe, das erste von vielen, war das der Frauenbeauftragten der Fakultät. Ich habe das sehr bewusst gemacht. Damals war ich die einzige Frau im Institut, die einzige Professorin.
zeitgeschichte|online: Sie waren die einzige Professorin am Institut?
G. M.: Ja, am Institut ganz bestimmt. Ich meine aber sogar auch in der Fakultät. Da dachte ich, na ja, dann ist das doch vernünftig, ich nehme jetzt erst mal dieses Amt wahr und schaue, ob wir nicht ein paar Schritte vorankommen können. Das Amt der Frauenbeauftragten hatten bis dahin immer wissenschaftliche Mitarbeiterinnen gemacht, die in den Berufungskommissionen einen schweren Stand hatten. Ich habe relativ schnell verstanden, dass man, wenn man etwas verändern will, in die Gremien gehen und Ämter übernehmen muss, die nicht immer Spaß machen. Aber wenn man was ändern will, dann führt da kein Weg dran vorbei, sodass ich schließlich in allen Berufungskommissionen saß, die fortan einberufen wurden. Meine Berufung war ja der Auftakt eines Generationenwechsels im Institut. Ich konnte zwischen zwei Rollen ganz gut hin und her wechseln. Das eine Mal war ich ganz normales professorales Mitglied und das andere Mal konnte ich als Frauenbeauftragte sprechen. So konnte ich ein bisschen dazu beitragen, dass dann doch relativ zügig eine ganze Reihe von neuen Kolleginnen berufen wurden.
zeitgeschichte|online: Wie nehmen Sie die gegenwärtige Situation des Wissenschaftsbetriebs wahr?
G. M.: Die gegenwärtige Situation im Wissenschaftsbetrieb ist schwierig. Die Universitäten sind chronisch unterfinanziert und wir haben extrem ungünstige Personalstrukturen. Daraus folgt eine enorme Unsicherheit in den frühen Phasen wissenschaftlicher Karrieren. Auch ich kenne diese Unsicherheit noch, aber daran hat sich in den letzten 20 Jahren nichts geändert. Das ist für jüngere Kollegen und Kolleginnen, die versuchen, sich weiter zu qualifizieren, wahnsinnig frustrierend und belastend. Die Konkurrenz ist riesig. Wir sind jetzt dabei, eine ganze Generation von Privatdozentinnen und -dozenten zu verlieren, weil wir Professuren, für die sie qualifiziert sind, nach W1 besetzen mit Tenure-Track. Das ist für diejenigen, die eine solche Stelle kriegen, natürlich toll, weil es eine gewisse Sicherheit mit sich bringt, aber für die anderen eine Katastrophe. Die können sich jetzt nicht mehr auf Professuren bewerben, für die sie qualifiziert wären. Das ist eine unglaubliche Schieflage, in die das System geraten ist.
Das ist das eine. Und das andere ist, dass wir politisch in einer Situation sind, in der die Wissenschaften immer stärker unter Druck geraten. Das Vertrauen in die Wissenschaft schwindet und die politischen Anfeindungen nehmen zu, vor allem gegen bestimmte Forschungsrichtungen, wie Gender Studies, postkoloniale Theorien und postkoloniale Ansätze. Hier in Brandenburg erleben wir Angriffe der AfD auf die Klimaforschung. Das hat enorm zugenommen in den letzten Jahren. Hinzu kommt die internationale Lage, die auch die transnationalen Wissenschaftsbeziehungen zunehmend belastet. Das geht nicht nur von Ländern aus, die wir schon seit langem für problematische Partner halten, sondern jetzt auch von den USA, das heißt unsere engsten Kooperationspartner. Seit ich in der Wissenschaft tätig bin, habe ich eine solche Krisensituation noch nicht erlebt.
zeitgeschichte|online: Ein anderer Punkt, welche Forschungsschwerpunkte wollen Sie am ZZF etablieren oder stärken?
G. M.: Ich befasse mich seit vielen Jahren mit der Geschichte der Dekolonisierung in ihren Auswirkungen auf die europäischen Gesellschaften, einschließlich der deutschen Gesellschaft. Das verbinde ich mit Fragen nach der Entwicklung von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie nach 1945 in Westeuropa. Mich interessieren die politik- und die rechtshistorische Dimension dieses Prozesses, die ich deshalb für so wichtig halte, weil die Dekolonisierung ja äußerst gewaltvoll verlaufen ist. Die deutsche Zeitgeschichtsforschung hat das noch nicht im Zentrum ihrer Wahrnehmung. Das möchte ich hier am Institut einbringen, weil ich glaube, dass ich damit in vielfältige Forschungsrichtungen anschlussfähig bin und Impulse geben, aber auch Impulse aufnehmen kann. Das ist im Übrigen ein Thema, das sich gut im deutsch-deutschen Vergleich erarbeiten ließe.
zeitgeschichte|online: Welche Rolle spielt der Kolonialismus, in der deutsch-deutschen Geschichte und in der Geschichte der DDR?
G. M.: In der Gesellschaft der DDR war die koloniale Vergangenheit sehr viel präsenter als in der Bundesrepublik. Das hat damit zu tun, dass die politischen Eliten ein Zeichen für die internationale Solidarität und die Traditionen des proletarischen Internationalismus setzen wollten. Deshalb engagierte man sich für Unabhängigkeitsbewegungen in verschiedenen Ländern. Das hatte natürlich auch ganz pragmatische außenpolitische beziehungsweise machtpolitische Gründe. Die Regierung der DDR versuchte, in diplomatische Beziehungen und in Handelsverbindungen zu kommen. Trotzdem weckten die Solidaritätsaktionen zumindest ein Bewusstsein dafür, dass es noch immer koloniale Verhältnisse gab, was es in dieser Breite in der Bundesrepublik nicht gegeben hat. Natürlich war alles ideologisch überformt, aber trotzdem öffnet es einen Blick, der in Westdeutschland weniger ausgeprägt war.
Das macht den deutsch-deutschen Vergleich interessant. Es ist auch ein spannender Aspekt, dass die DDR versucht hat, durch den Vorwurf des Neokolonialismus die Bundesrepublik zu diskreditieren, indem versucht wurde, Kontinuitäten zwischen der Bundesrepublik und dem Kolonialreich aufzuzeigen. Auch das kommt ins Blickfeld der Forschung und das sind bis heute übersehene Aspekte, die ich wichtig finde.
zeitgeschichte|online: Wir würden da gerne nochmal einhaken. Sie haben bereits gesagt, die Solidaritätsbekundungen waren ideologisch überformt. Offensichtlich hat diese andere Einstellung und eine stärkere Wahrnehmung der Kolonisierungsgeschichte aber nicht dazu geführt, dass es andere Einstellungen zu nichtweißen Menschen gab und gibt.
G. M.: Man wird nicht pauschal von der DDR-Gesellschaft sprechen können. Und dass der Rassismus in Teilen fortgewirkt hat, ist überhaupt nicht zu bestreiten. Ich glaube auch nicht, dass die Akteure jeweils identisch sind. Diejenigen, die sich in internationaler Solidarität engagiert haben, von denen würde ich schon erwarten, dass sie sensibler gegenüber rassistischen Ansichten waren als die anderen. Man muss sehr genau hinschauen und sehr fein differenzieren, um Pauschalurteile in der einen oder anderen Richtung zu vermeiden.
Vielleicht auch noch ein Wort zu dieser ideologischen Überformung. Das ist keine Entwicklung, die erst zu DDR-Zeiten einsetzte, sondern dieses Engagement reicht zurück auf die Zwischenkriegszeit. Damals waren die Kommunisten die Einzigen mit einer absolut klaren antikolonialen Haltung. Selbst die Weimarer Sozialdemokratie hat einen starken kolonialrevisionistischen Flügel. Es waren tatsächlich einzig die Kommunisten, die sehr eng auch mit Akteuren des globalen Südens zusammengearbeitet haben.
zeitgeschichte|online: Nächstes Thema: Welche Bedeutung messen Sie Digitalität und künstlicher Intelligenz für die Zukunft der historischen Forschung und der Public History bei?
G. M.: Es ist vollkommen klar, dass wir hier einen epochalen Wandel erleben, im Grunde aller Lebensbereiche. Wir können dem nicht entgehen und müssen uns als Zeithistoriker*innen dazu verhalten. Es betrifft uns in mehrfacher Weise. Das eine sind unsere Forschungsfragen, d.h. wie sich die digitale Gesellschaft entwickelt hat zu dem, was wir heute erleben. Das sind ja keine naturwüchsigen Prozesse, sondern die wurden und werden nach wie vor von Menschen gemacht, die bestimmte Interessen verfolgen, bestimmte Ziele anstreben, bestimmte Visionen haben, bis hin zum Streben nach politischem Einfluss, wie das bei den Tech-Milliardären aktuell zu beobachten ist. Das müssen wir als Historiker*innen wissenschaftlich und kritisch aufarbeiten.
Zum anderen verändert sich gleichzeitig unser Fach in seiner ganzen Epistemologie. Das, was Historiker*innen der Digital Humanities wie Andreas Fickers als „digitale Hermeneutik“ bezeichnen, ist ja etwas, womit wir uns noch gar nicht grundlegend auseinandergesetzt haben. Unsere Erkenntnisprozesse verändern sich dramatisch und damit auch die Art und Weise, wie wir Geschichte schreiben können. Das ist der zweite Aspekt.
Ein dritter Aspekt sind die Auswirkungen der Digitalisierung und besonders der künstlichen Intelligenz auf die Geschichts- und Erinnerungskultur. Da sehe ich dramatische Veränderungen. Denken Sie nur an künstlich erzeugte Bilder, die Authentizität vorspiegeln. Diese Bilder sehen täuschend echt aus. Oder denken Sie an Avatare, mit denen vermeintliche Zeitzeug*innen-Gespräche geführt werden können. All das wird die Erinnerungskultur und den Blick der Gesellschaft auf die Geschichte ganz erheblich prägen.
Es ging vor kurzem durch die Presse, dass durch die Künstliche Intelligenz in Zukunft zwei Berufsgruppen überflüssig werden würden: Die einen seien die Übersetzer, die anderen die Historiker*innen. Da würde ich allerdings ganz selbstbewusst dagegenhalten, dass gerade heute die Historiker*innen gefragt sind und dringend gebraucht werden. Aber natürlich müssen wir uns selbst befähigen, überhaupt auskunftsfähig zu sein. Das heißt, ob wir wollen oder nicht, wir müssen uns mit KI auseinandersetzen. Wir müssen die Methoden kennen und zur Entwicklung neuer Methoden beitragen, etwa um gefälschte Bilder identifizieren zu können. Es braucht nach wie vor ein ganz profundes historisches Wissen, um die Dinge seriös bewerten, einordnen und deuten zu können. Ich sage das nicht nur im wohlverstandenen professionellen Interesse, sondern ich denke, unsere Gesellschaft tut gut daran, auf die Geschichtswissenschaften zu setzen und von dort Orientierungswissen zu erhalten.
zeitgeschichte|online: Inwiefern kann KI gewinnbringend in die historische Arbeitsweise eingesetzt werden und welche neuen Forschungsfragen können sich daraus ergeben?
G. M.: Das kann extrem gewinnbringend sein, etwa im Umgang mit Massendaten, die wir anders gar nicht auswerten könnten, da ist KI unschlagbar. Wir haben es bei der Zeitgeschichte in hohem Maße mit audiovisuellen Quellen zu tun, mit denen wir bis heute noch nicht richtig arbeiten können, wenn Sie etwa an die zig Millionen Stunden von Fernsehsendungen denken, die wir analog überhaupt nicht nennenswert bearbeiten können. Eine entsprechend trainierte Bilderkennung zu verwenden, wird uns diese Quellen zugänglich machen. Insofern glaube ich, wird die zeithistorische Forschung gerade auf dem Gebiet der audiovisuellen Quellen in den nächsten Jahren einen ganz großen Schub erfahren. Und wir werden hoffentlich das nötige Know-how entwickeln, um Internet-Seiten, Social Media-Daten, E-Mails und dergleichen mehr sicher zu speichern und zu archivieren, mit denen dann die zeithistorische Erforschung des 21. Jahrhunderts möglich wird.
zeitgeschichte|online: Seit vielen Jahren stellt sich immer wieder die Frage, wie politisch darf gerade die Zeitgeschichte sein? Sollte sich Zeitgeschichte angesichts der gegenwärtigen Phänomene mehr in die Gegenwartsdebatten einbringen?
G. M.: Wie politisch können, sollen Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen sein? Das ist eine gute und gar nicht einfache Frage. Natürlich müssen wir uns in öffentliche Debatten einmischen, wenn wir aus unserer fachlichen Kompetenz heraus etwas dazu beitragen können. Wir werden mit öffentlichen Geldern finanziert und insofern, finde ich, haben wir auch eine Verpflichtung, unser Wissen, unsere Erkenntnisse mit der Gesellschaft zu teilen, unabhängig, aus welchem Fach wir kommen. Das ist das eine.
Das andere ist eher eine normative Frage. Die Frage danach, ob wir uns auch politisch positionieren sollen. Auch das tun ja schon viele. Wir sollten also nicht so tun, als säßen wir alle vollkommen apolitisch zu Hause und würden unsere Meinung für uns behalten. Das stimmt ja nicht. Es muss nur klar sein, dass wir in dem Moment einen Rollenwechsel vollziehen, dass wir dann nicht mehr mit der Autorität von Wissenschaftler*innen sprechen, sondern als informierte Bürgerinnen und Bürger, die ein bestimmtes Wissen mitbringen und dieses Wissen auch in einer bestimmten Art und Weise bewerten. Wenn man sich das bewusst macht, können Historiker und Historikerinnen zu öffentlichen Debatten unendlich viel beitragen, können für bestimmte Entwicklungen sensibilisieren, Kritik formulieren an bestimmten gesellschaftlichen Entwicklungen und dafür Argumente liefern. Und das sollten wir auch tun, gerade jetzt, wo so viel auf dem Spiel steht.
zeitgeschichte|online: Angesichts wachsender Wissenschaftsskepsis bis hin zu regelrechter Feindschaft, wie können Kolleg*innen geschützt werden, nicht zuletzt durch Institutionen wie das ZZF?
G. M.: Diese Frage wird uns in nächster Zukunft wahrscheinlich noch öfter beschäftigen – leider.
Das eine sind ganz handfeste praktische Dinge, die Institute tun können, indem sie den Zugang etwa zu Veranstaltungen kontrollieren, Maßnahmen aller Art durchführen, um Kolleg*innen ganz konkret vor Übergriffen zu schützen.
Das andere erscheint mir fast noch wichtiger. Wissenschaftseinrichtungen sollten solidarisch sein und sich vor ihre Kolleg*innen stellen, indem sie klar machen, dass diese Person, die angefeindet wird, Teil eines größeren Zusammenhangs ist, der sich mit angegriffen sieht.
Institute, Wissenschaftsinstitutionen müssen eine Öffentlichkeit dafür herstellen, wenn ihre Mitarbeiter*innen angegriffen werden und sie müssen solche Angriffe öffentlich zurückweisen, gegebenenfalls auch mit Hilfe eines Rechtsbeistands.
zeitgeschichte|online: Eine letzte Frage: Die ersten 25 Jahre des 21. Jahrhunderts liegen hinter uns. Wie bewerten Sie diese Zeit aus historischer Perspektive?
G. M.: Blickt man von heute auf dieses erste Viertel des 21. Jahrhunderts, ist die Versuchung groß, es als eine Zeit zu sehen, in der sich Krisen akkumuliert haben, sich miteinander verflochten haben, sich wechselseitig verstärken, was Adam Tooze auch als Polykrise bezeichnet hat.
Ich bin nicht ganz so pessimistisch. Es ist unbestritten, dass wir es heute mit vielfältigen Krisen zu tun haben. Die sind aber alle noch bewältigbar. Das müssen wir uns, glaube ich, immer wieder in Erinnerung rufen. Das gilt für die Kriege genauso wie für den Klimawandel, für gesellschaftliche Ungleichheiten und Konflikte. Es gibt doch auch sehr ermutigende Entwicklungen, etwa die seit 2000 deutlich gestiegene Lebenserwartung in Afrika, oder der signifikant gewachsene Anteil erneuerbarer Energien am weltweiten Energieverbrauch. Wir sollten die Krisen ernst nehmen, aber wir dürfen uns von ihnen nicht lähmen und entmutigen lassen. Sondern wir müssen aktiv handeln.
Das Gespräch mit Gabriele Metzler führten Peter Bratenstein und Annette Schuhmann am 25. Februar in den Räumen des ZZF in Potsdam.
Zitation
Peter Bratenstein, Annette Schuhmann, Die Krisen können bewältigt werden. Ein Interview mit Gabriele Metzler über Chancen und Aufgaben der Geschichtswissenschaft, in: zeitgeschichte|online, , URL: https://www.zeitgeschichte-online.de/die-krisen-koennen-bewaeltigt-werden