Menschen winken einem Boot hinterher
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Frank Hurley, Elephant Island party waving goodbye to James Caird, 24. April 1916. Quelle: State Library of New South Wales / Wikimedia Commons.

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Frank Hurley, Elephant Island party waving goodbye to James Caird, 24. April 1916. Quelle: State Library of New South Wales / Wikimedia Commons.

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Man sieht sich nur einmal

Was mit dem Ende von Citizen-Science-Projekten verloren zu gehen droht

Ergebnisse in eine passende Form gießen, Berichte an die Geldgeber*innen schicken und den Stolz auf das Erreichte genießen: Geht es um den Projektabschluss, unterscheiden sich Citizen-Science-Projekte kaum von anderen befristeten Forschungsvorhaben. Meist ist das Thema nicht ausgeforscht, können neu angeeignete Expertisen nicht direkt weitergenutzt werden, gehen aufgebaute Strukturen verloren und müssen sich die Beteiligten neue Routinen und Pläne zurechtlegen – ob sie wollen oder nicht. Das ist ineffizient, verschenkt Potenziale und zerteilt Lebenswege. Dies gilt umso mehr im Citizen-Science-Kontext. Hier entstandene Beziehungen zu, Expertisen von und Erfahrungen mit Bürger*innen passen nur selten zu den Anerkennungslogiken der Wissenschaft. Im ungünstigsten Fall werden sie auf dem weiteren wissenschaftlich Berufsweg weder weiter gepflegt noch genutzt. Dennoch prägen diese Aspekte ein Citizen-Science-Projekt und dessen Mitwirkende. Ein solches Projekt abzuschließen, ist deshalb nicht nur ein Verwaltungsakt, sondern ein Übergang, der gestaltet werden muss – für die hauptamtlichen, aber noch mehr für die ehrenamtlichen Forschenden, die solche Abschiede vermutlich weniger gewohnt sind. Im Projekt „SocialMediaHistory – Geschichte auf Instagram und TikTok“ wollten wir das Ende deshalb nicht „nebenbei“ erledigen oder als reine Notwendigkeit behandeln.

SocialMediaHistory war ein Verbundprojekt des Arbeitsfeldes Public History der Universität Hamburg, der Professur für Didaktik der Geschichte und Public History der Ruhr-Universität Bochum und von Kulturpixel e. V.. Finanziert vom ehemaligen Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF, seit 2025: Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt, BMFTR) im Programm Bürgerforschung, untersuchten wir von März 2021 bis Mai 2024, warum, wie und von wem Geschichte auf Instagram und TikTok gemacht wird. SocialMediaHistory war damit eines von nur wenigen partizipativen Projekten, die sich mit gegenwärtigen Formen der Aushandlung von Geschichte beschäftigen.[1] Über 2,5 Jahre arbeiteten wir digital mit einem über ganz Deutschland verteilten Bürger*innenbeirat (dem „DabeiRat“) zusammen. Dessen Mitglieder betrachteten wir als gleichwertigen Teil des Projektteams. Gemeinsam mit uns legten sie die Forschungsfragen fest, erhoben und interpretierten die Social-Media-Daten und unterstützten uns bei organisatorischen Aufgaben.[2] Um die Zufriedenheit und Lerneffekte für die Citizen Scientists sicherstellen, haben wir die Zusammenarbeit mehrfach evaluiert und das Projekt immer wieder an die Ergebnisse angepasst.[3]

Ein solcher Ansatz ist aufgrund seines längerfristigen, kollaborativen, beziehungs- und anerkennungsorientierten Charakters im Citizen-Science-Bereich eher selten anzutreffen. Gleichzeitig macht es diese intensive Zusammenarbeit besonders relevant, über Formen und Folgen des Endes partizipativer Projekte nachzudenken.

 

Beziehungs- und Drittmittellogiken zusammenbringen

Eine mehrjährige und intensive Zusammenarbeit mit Bürger*innen erfordert viel Arbeit. Neben Wissensarbeit geht es dabei vor allem um Kommunikations- und Beziehungsarbeit. Haben Citizen Scientists das Gefühl, als selbstverständlich betrachtet oder nicht wertgeschätzt zu werden, können sie die Teilnahme jederzeit beenden – und darunter leiden sie selbst weniger als das Projekt. Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, wie viel Zeit wir in 2,5 Jahren in Emails, Meetings und Gesprächen mit unserem anfangs knapp zwanzigköpfigen DabeiRat investiert und dass wir dabei viel über sie erfahren, sie kennen und schätzen gelernt haben. Gerade weil allen Beteiligten bewusst war, dass die Programmreihe des BMBF keine zweite Laufzeit vorsah, war es uns ein wichtiges Anliegen, die Zusammenarbeit mit unseren Citizen Scientists angemessen zu beenden. Es galt, den Abschied ernst zu nehmen, denn ein gutes, beziehungsorientiertes Ende muss durchdacht und organisiert werden.

Gleichzeitig unterliegt ein Projektabschluss immer auch den Bedingungen der Projektförderung. Natürlich hätten wir unsere DabeiRats-Mitglieder aus ganz Deutschland gern zu einer Abschlussfeier eingeladen. Doch die Projektkosten waren eng kalkuliert und wir mussten zwischen unserer kleinen Gemeinschaft und bezahlter Arbeitszeit für die Erkenntnissicherung abwägen. Eine undankbare, aber notwendige Aufgabe, die auch im Fall von SocialMediaHistory zugunsten der Anerkennungskriterien des Wissenschaftssystems ausfiel. Also verlagerten wir die Feier ins Digitale. In einer umfangreichen Präsentation betonten wir nicht nur die gemeinsam erarbeiteten Ergebnisse, sondern vor allem den Beitrag der Citizen Scientists. Gemeinsam mit ihnen ließen wir das Projekt Revue passieren. Und damit die Arbeit mit uns für sie nicht nur eine schöne Erinnerung bleibt, erhielten alle Teilnehmenden ausführliche Zertifikate zu ihren Leistungen und Kompetenzerwerben, die ihnen hoffentlich auf ihrem weiteren Lebensweg einen greifbaren Mehrwert bieten. Damit verbunden war die Hoffnung, dass unsere Anerkennung auch außerhalb des Projekts anschlussfähig wird. Dieser Abschluss war klein, aber fein und verdeutlichte hoffentlich ein letztes Mal, wie wertvoll die Zusammenarbeit für uns war.

 

 

Der „DabeiRat“ von SocialMediaHistory wurde projektintern verabschiedet und gewürdigt, aber für ihre Leistung wurde den Citizen Scientists auch öffentlich auf Instagram gedankt. Quelle: https://www.instagram.com/socmedhistory/

 

Seitdem sind zwei Jahre vergangen, die Mitglieder des hauptamtlichen Teams sind anderweitig tätig und Kontakt zu unserem DabeiRat besteht kaum noch. Vermutlich begegnen wir den meisten von ihnen kein zweites Mal. Aufgrund der strukturellen Rahmenbedingungen konnten wir also die Beziehung zu den Teilnehmenden nicht verstetigen. Im Leben werden Beziehungen zwar aus verschiedensten Gründen und immer wieder beendet. Doch hat das im Citizen-Science-Kontext auch eine wissenschaftliche Relevanz. Wie man partizipative Projekte abschließt, wirkt sich vermutlich ebenso stark wie der Projektverlauf selbst darauf aus, welche bleibenden Eindrücke die Zusammenarbeit bei den Teilnehmenden hinterlässt. (Ehemalige) Citizen Scientists sind immer auch Multiplikator*innen dieser Eindrücke wissenschaftlicher Arbeit, beeinflussen also potenziell das Bild der Menschen ihrer Umgebung davon, wie Forschung geschieht und wie Forschende sich verhalten. Ob Wissenschaft einen guten Ruf hat, hängt deshalb auch von ihnen ab – bzw. davon, wie man mit ihnen umgeht und sie verabschiedet.

 

Erfahrungswissen nutzbar machen

Forschende wie Bürger*innen erwerben in Citizen-Science-Projekten nicht nur Fachwissen, sondern auch Erfahrungswissen darüber, welche Faktoren ein partizipatives Projekt wie beeinflussen. Wie spricht man Teilnehmende an? Wie moderiert man Zusammenarbeit auf Augenhöhe? Wie kann mit den unterschiedlichen Erwartungen und Bedarfen umgegangen werden, die die Beteiligten in ein Projekt einbringen? Und wie verbindet man wissenschaftliche Standards und die Lebensrealität der Citizen Scientists? Aus diesen Erfahrungen entstehen Ideen und Einsichten zur besseren Gestaltung entsprechender Forschungsdesigns. Doch diese Erkenntnisse kommen nur selten zur Anwendung, dafür sind Citizen-Science-Projekte weiterhin zu selten. Auch wenn die Forschung zu Citizen Science immer wieder zu ähnlichen Einsichten kommt, ist jedes Projekt ein wenig anders und unterscheiden sich die Teilnehmenden. Umso wichtiger ist es, Erfahrungswissen zu spezifischen Projektdesigns und Wissenschaftsdisziplinen zu dokumentieren und ehrlich aufzubereiten, damit andere, die künftig in vergleichbaren Kontexten aktiv werden, davon profitieren können. Dennoch lässt sich die theoretische Beschäftigung mit der Citizen-Science-Forschung nicht ohne Weiteres in die Praxis übertragen – das haben wir bei SocialMediaHistory immer wieder gelernt. Auch unter ähnlichen Rahmenbedingungen müssen sich Forschende, die mit Bürger*innen arbeiten, das für ihren speziellen Kontext notwendige Wissen selbst praktisch aneignen.

Das gilt auch für die Citizen Scientists. Einmal Wissenschaftsluft geschnuppert, Wissen gesammelt und Neugier geweckt, haben viele von ihnen Lust auf weitere Projekte, erhalten aber nur selten die Chance dazu. Ihre Erfahrungen, Perspektiven und ihr Fachwissen gehen also mit dem Ende eines Projektes ebenfalls verloren, denn wie im Fall von SocialMediaHistory erlauben es die befristeten Stellen und neuen Aufgaben der Forschenden meist nicht, die Beziehungen weiterhin zu pflegen. Nicht nur im Sinne der Anerkennung, sondern auch der Nachhaltigkeit ist es deshalb wichtig, ihren Input aufzubereiten und transparent zu machen.

In den meisten Forschungseinrichtungen fehlt die institutionelle Routine für den Umgang mit solchen Übergängen. Die Forschenden bleiben damit allein, ein strukturiertes Wissensmanagement existiert nur selten. Hinzu kommt die Frage nach der Verantwortlichkeit für den Umgang mit der Datenarchivierung nach dem Ausscheiden von hauptamtlich Forschenden und Citizen Scientists. Nicht jede Forschungseinrichtung hat den Willen oder die Mittel, die Daten, Dokumente, Informationen und Kontakte eines Projekts weiter zu verwalten, neue Ansprechpersonen dafür einzusetzen, Netzwerke weiterhin zu betreuen oder das Erfahrungswissen für die ganze Organisation zu sichern. Nicht nur die Förderlogiken, sondern auch die Institutionen sind also wenig auf Übergang und Nachsorge ausgerichtet. Dies ist immer ein Problem, aber im Fall von Citizen-Science-Projekten umso mehr.

Gleichzeitig ist auch in Citizen-Science-Projekten das formale Projektende keineswegs identisch mit dem Ende der wissenschaftlichen, kommunikativen oder fachlichen Anschlussfragen. Die aufgebaute Expertise verschwindet nicht plötzlich. Auch zwei Jahre nach dem Abschluss von SocialMediaHistory werden meine Kolleg*innen und ich weiterhin regelmäßig für Vorträge zu unseren Citizen-Science-Erfahrungen angefragt und schreiben Texte wie diesen – und das nicht immer als Teil unserer aktuellen bezahlten Tätigkeiten. Diese hohe Nachfrage verdeutlicht die Bedeutung des Erfahrungswissens und unterstreicht, dass solche Projekte nicht nur ein passendes Forschungs-, sondern auch ein verantwortungsbewusstes Abschlussdesign benötigen. Sonst droht gerade das verloren zu gehen, was Citizen Science ausmacht: gemeinsam erarbeitete Perspektiven, Beziehungen und Kompetenzen.

 


[1] Siehe dazu Kristin Oswald: Citizen Science goes Public History. Erfahrungen aus dem Projekt SocialMediaHistory, in: Mia Berg, Andrea Lorenz and Kristin Oswald (Hg.): Geschichte auf Instagram und TikTok. Perspektiven auf Quellen und Praktiken, De Gruyter Oldenbourg, 2025, S. 81–106. https://doi.org/10.1515/9783111360874-004

[2] Zu Projektkonzeption und -verlauf siehe Christian Bunnenberg, Thorsten Logge: Sozial, medial, Geschichte? Zum Abschluss eines unmöglichen Projekts, in: Mia Berg, Andrea Lorenz and Kristin Oswald (Hg.): Geschichte auf Instagram und TikTok. Perspektiven auf Quellen und Praktiken, De Gruyter Oldenbourg, 2025, S. 65–81. https://doi.org/10.1515/9783111360874-003

[3] Zu den Ergebnissen siehe Kristin Oswald: Quelle: Social Media. Kollaborative Forschung im Projekt „SocialMediaHistory – Geschichte auf Instagram und TikTok“, in: Katrin Möller et al. (Hg.): Digital History & Citizen Science. Band zur gleichnamigen Tagung, 19.-22. September 2024, Martin-Luther-Universität Halle, Vandenhoeck & Ruprecht (i. E.).

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Zitation

Kristin Oswald, Man sieht sich nur einmal. Was mit dem Ende von Citizen-Science-Projekten verloren zu gehen droht, in: zeitgeschichte|online, , URL: https://www.zeitgeschichte-online.de/themen/man-sieht-sich-nur-einmal