Der Transfer von Wissen in die Gesellschaft gewinnt in Zeiten von Fake News, Fehlinformationen und Verschwörungstheorien zunehmend an Bedeutung. Der gezielte Austausch mit der Gesellschaft soll den Menschen nicht nur Faktenwissen vermitteln, sondern auch das Verständnis erhöhen, wie Wissenschaft funktioniert. Dies ist die Grundlage, um Bürger*innen zu befähigen, wissenschaftliche Themen fundiert zu diskutieren, und damit einen Beitrag zu einer demokratischen Gesellschaft zu leisten.
Ein Weg, um das Vertrauen in die Wissenschaft zu stärken und ihre Rolle für die Gesellschaft hervorzuheben, ist die Beteiligung von Bürger*innen an Forschungsprozessen1, wie im Rahmen von Citizen-Science-Projekten. Hierbei handelt es sich um Projekte, bei denen sich Bürger*innen freiwillig an wissenschaftlichen Forschungsprojekten beteiligen und mit Wissenschaftler*innen zusammenarbeiten.2 In diesem Zusammenhang wird oft vorausgesetzt, dass Wissenstransfer in Citizen-Science-Projekten automatisch erfolgt und so die Beteiligung von Bürger*innen über die Beantwortung der Forschungsfrage hinaus Lerneffekte bei den Teilnehmenden erzielt. Ob die Beteiligung an Citizen-Science-Projekten tatsächlich diese positiven Effekte hat, wurde allerdings bisher nur unzureichend wissenschaftlich fundiert untersucht.
Naturwissenschaftliches Citizen-Science-Projekt und sozialwissenschaftliche Begleitstudie
Um herauszufinden, welche Effekte die Beteiligung an Forschungsprojekten auf die teilnehmenden Bürger*innen hat, führte ein interdisziplinäres Team aus Natur- und Bildungswissenschaftler*innen zwischen 2017 und 2021 im Rahmen eines Verbundprojektes zwei Citizen-Science-Projekte durch („Wildtierforscher in Berlin“ und „Fledermausforscher in Berlin“), in denen Bürger*innen mit Hilfe von Wildtierkameras und Fledermausdetektoren das Vorkommen von Wildtieren in Berlin erfassten.3 Nach der Datenaufnahme luden die Teilnehmenden die Kamerabilder bzw. Fledermausrufe auf die Internetplattform des Projektes hoch. Anschließend konnten sie nicht nur bei der Auswertung der gewonnenen Daten mitwirken, sondern diese auch grafisch darstellen, mit Hilfe von statistischen Tests interpretieren und im Forum diskutieren. So erhielten sie wissenschaftsbasierte Einblicke in die Verbreitung und Lebensweise von Wildtieren in Berlin.
Parallel wurde zu beiden Citizen-Science-Projekten eine sozialwissenschaftliche Längsschnittstudie mit Fragebögen durchgeführt, um die Effekte der Teilnahme auf die Bürger*innen zu untersuchen. Dabei interessierten die Forschenden besonders folgende Fragen:
- Eignen sich die Bürger*innen durch die Teilnahme am Projekt Fachwissen an?
- Verbessert sich ihr wissenschaftliches Denken?
- Haben sie nach dem Projekt positivere Einstellungen zur Wissenschaft als vorher?
Erkenntnisse aus der Begleitstudie
Die Ergebnisse zeigen: Wissenstransfer in Citizen-Science-Projekten erfolgt nicht selbstverständlich und die Teilnehmenden eignen sich Kenntnisse und Fähigkeiten nicht automatisch an.4 Ein möglicher Grund hierfür ist, dass die Teilnehmenden die Lernangebote im Projekt nicht im erwarteten Umfang nutzten. Möglicherweise hatten sie weniger Zeit für die Teilnahme am Projekt als vorhergesehen. Es könnten aber auch weitere Aspekte zum Tragen kommen wie zum Beispiel (zu) hohe Erwartungen der Teilnehmenden an das Projekt oder das Gefühl, die Auseinandersetzung mit den komplexen Inhalten würde sie überfordern oder sei für eine Freizeitaktivität zu anstrengend.
Üblicherweise wird angenommen, dass die Teilnehmenden ihr Fachwissen vermehren, positive Einstellungen entwickeln und lernen, wissenschaftlich zu denken. In unseren Projekten war dies nicht der Fall – diese Faktoren waren vielmehr Voraussetzung dafür, dass sich Teilnehmende im Projektverlauf positiv weiterentwickeln konnten. Damit Teilnehmende möglichst viel aus einem Citizen-Science-Projekt mitnehmen, muss daher Wissenstransfer sowohl in der Projektplanung als auch im Projektverlauf gezielt mitgedacht und durch zielgruppenspezifische Maßnahmen gefördert werden. Die Motivation der Teilnehmenden könnte zum Beispiel durch Workshops, Austausch untereinander sowie mit Wissenschaftler*innen gehalten und gestärkt werden. Wichtig ist auch, Lernangebote an die Erfahrungsstufen der Teilnehmenden anzupassen und über verschiedene Medien und in verschiedenen Formaten (online, offline, z. B. als Audio, Video oder in Form von Druckmaterialien) zur Verfügung zu stellen. Dabei sollten, wenn möglich, nicht nur die für das Projekt erforderlichen Methoden vermittelt, sondern auch der Forschungsprozess sowie wissenschaftliches Arbeiten allgemein erläutert werden. Unter diesen Bedingungen kann Citizen Science ein wertvolles Instrument für den Wissenstransfer zwischen Wissenschaft und Gesellschaft sein und dazu beitragen, die hohen Erwartungen an die Partizipation zu erfüllen.
Bild: Plakate für das Citizen Science-Projekt „Wildtierforscher in Berlin“. Copyright: Leibniz-IZW
Rekrutierung von Teilnehmenden
Eine Voraussetzung für die erfolgreiche Durchführung eines Citizen-Science-Projektes ist die Rekrutierung von Teilnehmenden. Hierfür werden oftmals Bürger*innen gesucht, die sich für Wissenschaft interessieren und/oder einen Bezug zum jeweiligen Thema haben; außerdem sollten sie Zeit und Lust mitbringen, im Rahmen eines solchen Projektes etwas Neues zu lernen. Im Falle des Projektes „Wildtierforscher in Berlin“ ging es den Forschenden zusätzlich darum, bei den Teilnehmenden Interesse und Verständnis für Biodiversität im eigenen Garten sowie an wissenschaftlichem Arbeiten zu wecken. Darüber hinaus war es das Ziel, Wissen über heimische Tierarten, Biodiversität und Mensch-Wildtier-Konflikte wie auch über Forschungsprozesse zu vermitteln. Wie in anderen Projekten war es zudem essentiell, eine Mindestanzahl an Teilnehmenden zu gewinnen und bis zum Ende des Projektes zu halten, um eine ausreichende Datenmenge generieren zu können. Im Fall unseres Projektes sollten die Teilnehmenden außerdem bereit sein, im Projektverlauf zwei bis drei Fragebögen für die Begleitstudie auszufüllen.
Um Teilnehmende zu gewinnen und die Projektziele zu erreichen, wurde eine gezielte Rekrutierungskampagne durchgeführt. Dazu wurden zunächst bestimmte Zielgruppen anhand soziodemografischer Merkmale (z. B. Alter, Geschlecht, Beruf, Familienstand), psychografischer Aspekte (z. B. Interessen, Werte und Einstellungen) sowie ihres möglichen Mediennutzungsverhaltens identifiziert. Eine anschließende Auswertung der Daten aus den Online-Bewerbungsformularen der Bewerber*innen sowie der Seitenaufrufe auf der Projektwebseite zeigte, welche Marketingmaßnahmen der Kampagne – etwa Pressemitteilungen, Poster, Flyer, Radiointerviews oder Zeitungsartikel – besonders wirksam für die Gewinnung neuer Bewerber*innen für das Projekt waren.
Zudem wurde anhand der Angaben aus den Online-Bewerbungsformularen und im Rahmen der sozialwissenschaftlichen Begleitstudie untersucht, wie sich die Rekrutierungskampagne5 auf die Zusammensetzung der Bewerbergruppen auswirkte, welche Motivation die Interessent*innen zur Teilnahme hatten und welchen tatsächlichen Beitrag die Teilnehmenden in den verschiedenen Phasen und Aufgaben des Projekts leisteten. Auf diese Weise konnte die Bewertung des Rekrutierungserfolgs auf subjektive und objektive Daten gestützt werden. Es stellte sich heraus, dass die Teilnehmenden vor allem Wildtiere spannend fanden und weniger daran interessiert waren, etwas über wissenschaftliches Arbeiten zu lernen. Das führte dazu, dass die Beteiligung bei der Auswertung und Diskussion der Daten deutlich geringer ausfiel als bei der Datenerhebung.6
Die Ergebnisse und Erfahrungen zeigten, dass der Projekterfolg bereits durch die Rekrutierung von Teilnehmenden beeinflusst wird. Die Werbung – und vor allem die Kernbotschaft der Kampagne – sowie die klare Formulierung der Projektziele und -aufgaben bestimmen, welche Bürger*innen am Projekt teilnehmen und mit welcher Motivation, welchen Zielen und Erwartungen sie an das Projekt und ihre Aufgaben gehen. Hierfür kann es sinnvoll sein, die potenziellen Teilnehmenden dazu bereits im Vorfeld zu befragen – beispielsweise über ein Bewerbungsformular oder in Vorgesprächen. Auf dieser Grundlage lassen sich die Zusammenarbeit, Kommunikation und Aufgabenverteilung im Projektverlauf zielgerichtet gestalten. Dies trägt dazu bei, die Motivation der Teilnehmenden aufrechtzuerhalten und ihre kontinuierliche Teilnahme bis zum Projektende zu fördern – beides zentrale Voraussetzungen nicht nur für den Projekterfolg, sondern auch für eine erfolgreiche Wissensvermittlung und die Erhöhung des Wissenschaftsverständnisses. Es wird daher empfohlen, die Rekrutierung von Teilnehmenden bereits bei der Planung und Konzeption eines Citizen-Science-Projektes mitzudenken.7
1 Rainer Bromme and Susan R. Goldman (2014). The public’s bounded understanding of science. Educ. Psychol. 49 (2), 59–69. doi:10.1080/00461520.2014.921572.
2 Rick Bonney, Heidi Ballard, Rebecca Jordan, Ellen McCallie, Tina Phillips, Jennifer Shirk, et al. (2009). Public Participation in Scientific Research: Defining the Field and Assessing Its Potential for Informal Science Education. Washington, DC, USA: A CAISE Inquiry Group Report. Online Submission; Florian Heigl, Barbara Kieslinger, Katharina T. Paul, Julia Uhlik, and Daniel Dörler (2019). Opinion: Toward an international definition of citizen science. Proc. Natl. Acad. Sci. U S A 116, 8089–8092. doi: 10.1073/pnas.1903393116.
3 Verbundprojekt „WTimpact: Kollaborative Wissensentwicklung als Transferinstrument: Vom Wissenstransfer zum Wissensaustausch“ (2017 – 2021), gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF, jetzt Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt, BMFTR); Verbundpartner: Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW), Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (TROPOS), Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik (IPN), Leibniz-Institut für Wissensmedien (IWM).
4 Hannah Greving*, Till Bruckermann*, Anke Schumann, Tanja M. Straka, Daniel Lewanzik, Silke L. Voigt-Heucke, Lara Marggraf, Julia Lorenz, Miriam Brandt, Christian C. Voigt, Ute Harms, & Joachim Kimmerle (2022). Improving attitudes and knowledge in a citizen science project about urban bat ecology. Ecology and Society 27(2):24. https://doi.org/10.5751/ES-13272-270224. *shared first authorship.
5 Anke Schumann, Hannah Greving, Till Bruckermann, Joachim Kimmerle, Ute Harms, and Miriam Brandt (2024). We want you! Recruitment strategies for the success of a citizen science project on urban wildlife ecology. Front. Environ. Sci. 12:1258813. doi: 10.3389/fenvs.2024.1258813.
6 Till Bruckermann, Hannah Greving, Milena Stillfried, Anke Schumann, Miriam Brandt, & Ute Harms (2022). I’m fine with collecting data: Engagement profiles differ depending on scientific activities in an online community of a citizen science project. PLOS ONE, 17(10): e0275785. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0275785.
7 Miriam Brandt, Anke Schumann, Till Bruckermann, Hannah Greving, Ute Harms, Joachim Kimmerle (2024). Wie gelingt erfolgreicher Wissenstransfer in Citizen Science-Projekten? Ergebnisse, Erfahrungen und Empfehlungen aus dem Verbundprojekt WTimpact. Transfer & Innovation: Wissenschaft wirksam machen, 2024(1), 89-102.
Zitation
Anke Schumann, Miriam Brandt, Von der Idee zur Wirkung. Wie Wissenstransfer in Citizen-Science-Projekten gelingen kann, in: zeitgeschichte|online, , URL: https://www.zeitgeschichte-online.de/themen/von-der-idee-zur-wirkung