Wie lässt sich Behördenforschung für die Beschäftigten transparent gestalten? Inwiefern sind dafür partizipative Ansätze hilfreich? Diese Fragen sind zentral für das Projekt „Wie die Vergangenheit zählt. Zur Geschichte des Statistischen Bundesamtes“ (GeStat). Es wird von Juni 2024 bis Juni 2028 in Kooperation zwischen dem Statistischen Bundesamt und dem Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung, Forschungsschwerpunkt Zeitgeschichte und Archiv, in Erkner umgesetzt.
Die Behördenforschung – sei es in Form von Auftrags-, Zuwendungs- oder Kooperationsprojekten – ist in besonderer Weise in einem „politisch-moralischen Spannungsfeld“[1] zwischen Wissenschaft, Politik, Staat und Öffentlichkeit verortet. Das zeigte sich deutlich an der Verflechtung politischer und fachwissenschaftlicher Debatten und der großen medialen Aufmerksamkeit für die Studie „Das Amt und die Vergangenheit –
Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik“. Dieses Spannungsfeld prägt die wissenschaftliche Praxis, die sich zwischen akademischen Ansprüchen und Anforderungen und nicht-akademischen Interessen und Erwartungshaltungen bewegt.[2] Soll die Behördenforschung partizipativ gestaltet werden, multiplizieren sich die Herausforderungen. Ähnliches gilt allerdings auch für andere Bereiche partizipativer zeithistorischer Forschung, wie etwa die Stadtgeschichtsforschung.[3] Der Balanceakt erfordert Selbstreflexion über die Herausforderungen und Potenziale solcher Ansätze. In diesem Text ziehen wir eine Zwischenbilanz und stellen die Frage nach den Zielgruppen in den Mittelpunkt.
Konzeption des Projekts
In diesem partizipativ angelegten Projekt erforschen wir[4] die Geschichte der amtlichen Statistik vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Umbrüche des 20. Jahrhunderts. Den Ausgangspunkt bilden die 1980er Jahre und somit die Volkszählungsproteste, das zunehmende gesellschaftliche Interesse an der NS-Vergangenheit, die Transformationsprozesse in Europa und das beginnende Ende der DDR. Von hier blickt ein Teilprojekt zurück auf die NS-Zeit und die Nachkriegsgeschichte der amtlichen Statistik. Es greift das Bedürfnis des Amtes auf, sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen, und trägt zur Einordnung der NS-Bezüge einzelner Personen der Amtsgeschichte bei. Das zweite Teilprojekt, das von unserem Teamkollegen Paul Treffenfeldt im Rahmen seiner Doktorarbeit bearbeitet wird, richtet den Blick nach vorne: von den 1980ern in die deutsch-deutsche Transformationsgeschichte und die Entwicklung der gesamtdeutschen Statistik.
Der zeitliche und thematische Zuschnitt des Projektes richtet sich somit weniger an der in der Behördenforschung lange im Vordergrund stehenden Zäsur von 1945 aus; vielmehr rücken Fragen aus der Geschichte der amtlichen Statistik in den Mittelpunkt. Die Geschichte von Personen und Methoden ist dann von Interesse. So wird auch die Transformationszeit von 1989/90 und vor allem die Integration der DDR-Statistik in die westdeutsche amtliche Statistik zur wichtigen Untersuchungszeit bzw. -thematik. Wir analysieren die Entwicklung der amtlichen Wissensproduktion über die deutsche Gesellschaft in ihren politischen und gesellschaftlichen Verflechtungen und aktuellen Auswirkungen – ganz im Sinne einer „Zeitgeschichte als Problemgeschichte der Gegenwart“[5]. Ein zentrales verbindendes Element beider Teilprojekte ist die partizipative Wissenschaftskommunikation.
Die Frage der Zielgruppen
An wen richtet sich eigentlich die Behördenforschung? Für wen ist sie relevant und interessant? Trotz einer Vielzahl vorliegender Studien wurde die Frage nach Zielgruppen der Behördenforschung bisher nicht systematisch ausgearbeitet und reflektiert. Zu Adressaten der Behördenforschung kann man – kurz und allgemein gefasst – die Behörden samt ihren Mitarbeitenden zählen, die geschichtswissenschaftliche „Fachwelt“ und die „breite Öffentlichkeit“, die jedoch schwer zu fassen ist und von Medien bis zu geschichtlich interessierten Personen reichen kann. Das mediale und gesellschaftliche Interesse, das die Studie „Das Amt und die Vergangenheit“ 2010 auf die Spiegel-Bestsellerliste beförderte, wird aber sicherlich eine Ausnahme bleiben. Auch für Nachkommen kann Behördenforschung als Teil der Familienforschung relevant sein – zum besseren Verständnis der Verfolgungsgeschichte oder auch der Verantwortung der Vorfahren während des Nationalsozialismus. Nicht zuletzt hat die Behördenforschung eine Resonanz im Ausland und zeugt vom Bewusstsein für die historische Verantwortung in Deutschland.
Wird nun konkret auf das GeStat-Projekt geblickt, lassen sich die Zielgruppen nicht mehr so allgemein und kurz fassen: Als die direkte und zentrale Zielgruppe sehen wir das Statistische Bundesamt und seine Mitarbeitenden – das sind rund 2.500 Personen. Die thematischen Interessen innerhalb des Amtes sind differenziert, ebenso wie persönliche Bezüge zur Amtsgeschichte. Eine weitere wichtige Gruppe sind die ehemaligen Mitarbeitenden des Statistischen Bundesamtes, die oft nicht nur einen persönlichen Bezug zur Amtsgeschichte haben, sondern diesen auch äußern wollen. Einige von ihnen werden als Interviewpartner:innen im Projekt befragt. Perspektivisch sehen wir auch die Statistischen Landesämter und ihre Mitarbeitenden als eine potenzielle Zielgruppe, denn beide Teilprojekte berühren – etwa auf Ebene der untersuchten Personen, Organisationsstrukturen oder methodischen Verfahren – Themen, die auch für die amtliche Statistik auf Länderebene anschlussfähig sind. Auch nichtamtliche Statistiker:innen können als ein weiteres Zielpublikum verstanden werden. Als potenzielle indirekte Zielgruppe sehen wir das Bundesministerium des Inneren und für Heimat (BMI), zu dessen Geschäftsbereich das Statistische Bundesamt gehört, sowie weitere Behörden und Verwaltungen. Für die politischen Entscheidungsträger kann das Verständnis von der Produktion des amtlichen statistischen Wissens im historischen und gesellschaftlichen Kontext – vor dem Hintergrund der Diktatur- und Demokratisierungserfahrungen – von Bedeutung sein, zumal die amtlichen Statistiken in politische Entscheidungs- und Gesetzgebungsprozesse einfließen. Für die Geschichtswissenschaft bietet das Projekt durch seine thematische und methodische Multiperspektivität verschiedene Anknüpfungspunkte: darunter Zeitgeschichte, Wirtschaftsgeschichte, Statistikgeschichte, Wissensgeschichte, NS-Forschung, Behördenforschung, Transformationsforschung, raumbezogene Sozialforschung, Oral History, Biografieforschung. Mit geplanten wissenschaftlichen Publikationen – der Doktorarbeit und wissenschaftlichen Aufsätzen – will das Projekt weiterführende Forschungsfragen verfolgen.
Formate der Partizipation
Die Partizipation im Projekt soll im Sinne eines Citizen-Science-Ansatzes bidirektional wirken: Aus der Forschung heraus soll eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit im Statistischen Bundesamt angeregt werden. Und aus der Auseinandersetzung heraus sollen neue Impulse in die Behördenforschung aufgenommen und neue Forschungspfade erschlossen werden. Dem Austausch der Perspektiven dienen im Kooperationsprojekt verschiedene Formate. Dabei handelt es sich beispielsweise um regelmäßige Treffen zwischen dem Forschungsteam und den Projektpartner:innen im Amt: Federführend von Seiten des Statistischen Bundesamtes beteiligt sind Vertreter:innen der Abteilung B (Strategie und Planung, Internationale Beziehungen, Forschung und Kommunikation), der internen und externen Kommunikation und des Personalrates. Im Juni 2026 fand im Statistischen Bundesamt die erste offene Veranstaltung für alle interessierten Behördenmitarbeitenden statt, die in einer Art Werkstattgespräch Einblicke in das Projekt gegeben hat. 2025 wurde nach reiflichen Überlegungen zu strategischen wie technischen Fragen das Intranet des Statistischen Bundesamtes als Plattform für den Austausch mit den Mitarbeitenden ausgewählt. Eine eigene, im Juli 2025 gestartete Fokusseite bietet Einblicke ins Projekt und lädt die Mitarbeitenden zur Erkundung der Geschichte ein. Die Rubriken der Intranetseite werden monatlich mit neuen Inhalten aus der Forschung bestückt und vom geschichtswissenschaftlichen Projektteam verantwortet. Das Referat für interne Kommunikation unterstützt technisch die Fokusseite. Mit einer im Statistischen Bundesamt verteilten Postkartenserie wird zusätzlich auf die Intranetseite aufmerksam gemacht.
Um Mitarbeitende in die Erforschung der Geschichte ihres Amtes einzubinden, führt das Projekt sogenannte Oral-History-Interviews mit ehemaligen und aktuellen Mitarbeitenden durch. Sie sind relevant mit Blick auf die Erfahrungen während der deutschen Vereinigung oder die erinnerungspolitischen Maßnahmen im Haus. Die ersten geführten Interviews machen deutlich, dass sie wertvolle Kontexte für die Forschung vermitteln. Die verschiedenen Austauschformate unterstützen die Wissensproduktion im Projekt und tragen zum notwendigen Verständnis des Erfahrungswissens der Mitarbeitenden und der Handlungspraxis der Behörde bei.
Die Geschichte der amtlichen Statistik kommunizieren
Wie nähern wir uns an die Geschichte der amtlichen Statistik an? Auch wenn das Thema nüchtern und sperrig wirkt und mit Zahlen, Tabellen und Fragebögen assoziiert wird, verbergen sich dahinter gesellschaftliche und politische Schauplätze, institutionelle Verflechtungen, wissenschaftliche und methodische Konzepte sowie ganz konkrete Personen. Das alles aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive zu erforschen und zur Diskussion zu stellen, ist eine herausfordernde und zugleich spannende Aufgabe.
Im Intranet des Statistischen Bundesamtes bieten wir Zugang zur Geschichte in vier Rubriken – Einblicke, AmtsMenschen, Archivschätze und Debatten. In der Rubrik Einblicke werden das Projektteam und die Arbeit des Forschungsprojektes sichtbar. In AmtsMenschen treten wichtige Protagonisten aus der Geschichte der amtlichen Statistik in den Fokus und erhalten ein Gesicht.
Die Rubrik Archivschätze präsentiert interessante Quellenfunde aus den Archiven und kontextualisiert sie.
Beiträge aus der Rubrik Archivschätze: „Weichenstellung in der Bundesstatistik“ und „Anpassungen der DDR-Statistik an die westdeutsche Statistik“ mit Schriftstücken aus der Bibliothek des Statistischen Bundesamtes, Wiesbaden.
Die Rubrik Debatten beleuchtet wissenschaftliche, politische und gesellschaftliche Diskurse zur amtlichen Statistik.
Die thematisch gegliederten Rubriken machen sowohl die Verflechtung der historischen Entwicklungen als auch die Verbindungslinien zwischen den beiden Teilprojekten deutlich. Das Forschungsteam bietet mit kurzen Texten Momentaufnahmen aus Projektentwicklung und laufender Forschung an, begleitet von Überlegungen, was neu und interessant für die Mitarbeitenden sein kann.
Die Intranetseite wird mit einem Beitrag pro Monat ergänzt. Sie soll bis Projektende die Bandbreite an Themen und Forschungsfragen aus der Geschichte der amtlichen Statistik abbilden und idealerweise auf systematische Analysen in wissenschaftlichen Publikationen des Projektes neugierig machen. Es ist auch angedacht, sie am Ende in einer Publikation als Dokumentation des Projektes zusammenzufassen.
Über den Erfolg bzw. die Nutzung der Intranetseite lässt sich aktuell noch nicht viel sagen: Technisch ist es leider nicht möglich, Besucherzahlen der Fokusseite zu erfassen. Hier haben wir selbst erstmal mehr Fragen als Antworten: Wie viele Personen wollen wir erreichen? Und was ist „viel“? Wie können wir messen bzw. verstehen, was gut läuft, was nicht? Sind fehlende negative Rückmeldungen schon ein Erfolg? Was nutzt unsere Forschung?
Ausblick
Die Behördenforschung leistet – trotz immer wieder geäußerter Kritik – einen wichtigen Beitrag zu geschichtsbezogenen gesellschaftlichen Selbstverständigungsdebatten allgemein sowie innerhalb der einzelnen Institutionen. Auch angesichts des von Eckart Conze konstatierten Wechsels der Argumentation von „Das stimmt alles nicht“ zu „Haben wir doch schon lange gewusst“[6] bleibt es notwendig, zentrale Fragen der institutionellen Geschichte in ihrem gesellschaftlichen Kontext präzise und differenziert zu untersuchen und Ambivalenzen aufzuzeigen.
Die partizipative Behördenforschung soll die kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte nicht abnehmen, kann sie jedoch unterstützen und kritisch begleiten. Diese Aufgabe ist durchaus ambivalent für beteiligte Historiker:innen: Einerseits wird die Wissenschaft aufgefordert, mit transdisziplinären bzw. partizipativen Ansätze mit und für die Gesellschaft zu forschen, Fragestellungen anwendungsorientiert und problemlösend zu entwickeln und die Bürger:innen möglichst in alle Projektphasen (von der Planung bis zur Umsetzung) einzubeziehen. Andererseits werden aus der Perspektive der Behördenforschung und der beteiligten Historiker:innen insbesondere die Nähe und das Rollenverständnis von Wissenschaft und Behörden, die Ausrichtung der Forschung auf ein bestimmtes thematisches Interesse der Behörde, und die forschungsbegleitende Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation kritisch hinterfragt.[7] Mit GeStat gehen wir den anspruchsvollen und zeitaufwendigen Weg der Kommunikation der Zwischenergebnisse schon während des Forschungsprozesses. Damit machen wir uns eventuell angreifbar, wenn sich im weiteren Verlauf des Forschungsprozesses noch einmal neue Akten auftun. Zugleich spiegelt dieses Vorgehen den Forschungs- und Erkenntnisprozess, und wir sind für Rückfragen und Interessen der Beschäftigten zugänglich. Wie die einzelnen geschichtswissenschaftlichen Projekte diese Gratwanderung bewerkstelligen, ist eine Frage für weitere Diskussionen und Reflexionen.
[1] Christian Mentel, Der kritische Blick auf sich selbst. Zur Verantwortung der historiografischen Zunft in der Behördenforschung, in: Marcus Böick/Marcel Schmeer (Hg.), Im Kreuzfeuer der Kritik. Umstrittene Organisationen im 20. Jahrhundert, Frankfurt am Main/New York 2020, S. 139-161, hier S. 140, URL: https://zeitgeschichte-digital.de/doks/frontdoor/deliver/index/docId/2016/file/mentel_kritischer_blick_2020_de.pdf
[2] Vgl. ebd. S. 158. Siehe die Beiträge aus der Praxis einzelner Projekte in vier Dossiers zur Behördenforschung bei zeitgeschichte|online, redaktionell betreut von Christian Mentel 2012: https://zeitgeschichte-online.de/dossiers?field_artikel_datum_value=+2012#jahr.
[3] Aufschlussreich ist hier der Beitrag „Mitmachgeschichte und Stadtgesellschaft – Formate und Erfahrungen aus Gütersloh“ von Joana Gelhart, Christoph Lorke, Tim Zumloh in diesem Dossier.
[4] Kerstin Brückweh, Statistik, Geschichte und Geschichtswissenschaft. Eine Analyse des Verhältnisses und Gedanken zur Aufarbeitung, in: WISTA Wirtschaft und Statistik. Ausgabe 6/2023, S. 25-41; Kerstin Brückweh, Svetlana Burmistr, Paul Treffenfeldt, Wie die Vergangenheit zählt. Ein Kooperationsprojekt zur Geschichte des Statistischen Bundesamtes, in: WISTA Wirtschaft und Statistik. Ausgabe 2/2026. Projektseite: https://leibniz-irs.de/forschung/forschen-am-irs/forschungsprojekte/projekt/gestat.
[5] Hans Günter Hockerts, Zeitgeschichte in Deutschland. Begriff, Methoden, Themenfelder, in: Historisches Jahrbuch, Jahrgang 113, Freiburg/München 1993, S. 98-127; Anselm Doering-Manteuffel, Lutz Raphael, Nach dem Boom. Perspektiven auf die Zeitgeschichte seit 1970, Göttingen 2008, S. 7 ff.
[6] Vgl. Christian Mentel, Annette Schuhmann, Matthias Speidel, Die Debatte um „Das Amt“. Ein Interview mit Eckart Conze und Annette Weinke, in: zeitgeschichte|online, 1. März 2011, URL: https://www.zeitgeschichte-online.de/interview/die-debatte-um-das-amt
[7] Vgl. Mentel, Der kritische Blick auf sich selbst. Zu Kritikpunkten an der Behördenforschung siehe auch Cornelius Wüllenkemper, Wissenschaft oder Imagepflege? Der Boom der Behördenforschung, in Deutschlandfunk, 05.12.2020: URL: https://www.deutschlandfunk.de/wissenschaft-oder-imagepflege-der-boom-der-100.html
Zitation
Kerstin Brückweh, Svetlana Burmistr, Partizipative Behördenforschung. Erfahrungen aus der Geschichte der amtlichen Statistik, in: zeitgeschichte|online, , URL: https://www.zeitgeschichte-online.de/themen/partizipative-behoerdenforschung