Abbildung des Gütersloher Theaters
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Steffan Sturm, Theater Gütersloh. Ansicht von Südosten mit Studiobühne, Mai 2011. Quelle: Wikimedia Commons, Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Germany.

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Mitmachgeschichte und Stadtgesellschaft

Formate und Erfahrungen aus Gütersloh

Das Gütersloher Stadtgeschichtsprojekt (2022–2025) war ein ambitioniertes Unterfangen: Innerhalb von drei Jahren sollte die Geschichte dieser ostwestfälischen kleinen Großstadt von 1945 bis in die unmittelbare Gegenwart wissenschaftlich aufgearbeitet werden. Ziel war ein Sammelband zum 200-jährigen Stadtjubiläum, der sich gleichermaßen an die breite Stadtgesellschaft richtet gerichtet ist, wie an ein Fachpublikum, und damit sowohl stadtgeschichtliche Breitenwirkung als auch einen Beitrag zur geschichtswissenschaftlichen Forschung leistet. Das LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte in Münster und die Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg konzipierten das Projekt als partizipative „Mitmachgeschichte“. Inzwischen liegt nicht nur ein 603 Seiten starker Band vor,[1] sondern auch reichhaltiges Erfahrungswissen über die Möglichkeiten und Chancen, aber auch über die Grenzen partizipativer Stadtgeschichtsforschung. Die Reflexion dieser Erfahrungen bietet aufschlussreiche Einblicke in die Fragen, was es bedeutet, mit Bürger:innen zu forschen und „Gesellschaft zu leisten“.

 

Formate der Mitmachgeschichte

Die von uns genutzten Beteiligungsformate umfassten Zeitzeugengespräche, Erzählcafés, Geschichtswerkstätten und einen Instagram-Kanal. Erfahrungswissen, subjektive Standpunkte, spezifische Deutungen und Konflikte konnten in Dutzenden Zeitzeugengesprächen (Einzelgespräche, lebensgeschichtliche Interviews) mit Menschen verschiedenster Hintergründe gewonnen werden. Dadurch wurden wichtige Lücken geschlossen, insbesondere bei Gruppen, von denen kaum historische Selbstzeugnisse vorhanden sind. Aussagen fanden als konkrete Belege Eingang in die Forschung, als Korrekturen oder Bestätigungen, als atmosphärische Ergänzungen oder Hintergrundinformationen.

Die Erzählcafés sind als Forum für eigene Erfahrungen und Erinnerungen gedacht. Zeitzeug:innen berichteten auf Podien über Themen wie Jugendkultur oder Feuerwehrarbeit, über Gleichstellungskämpfe oder Migrationserfahrungen oder die Geschichte der Digitalisierung. Das Publikum wurde eingeladen, sich mit eigenen Erinnerungen und Deutungen am Austausch zu beteiligen. In den Veranstaltungen offenbarten sich dabei auch historische Konfliktlinien, die bis in die Gegenwart hineinreichen. Bemerkenswert war in dieser Hinsicht etwa das Erzählcafé zur Musikgeschichte, bei dem sich das bis heute anhaltende Ringen um Anerkennung künstlerischer Leistungen von ehrenamtlichen Kulturschaffenden wie auch der Konflikt zwischen Sozio- und Hochkultur abzeichnete. Solche Veranstaltungen schufen und schaffen weiterhin wichtige Plattformen der Aushandlung und Verständigung – und beleben so die örtliche Geschichts- und Dialogkultur. Damit legen sie einen Grundstein für ein demokratisches Gemeinwesen.[2] Den Rahmen für die Veranstaltungen und die Partizipationsangebote aber setzten wir als Projektteam: In Abstimmung mit dem Fachbereich Kultur der Stadt wählten wir die Themen und Podiumsteilnehmer:innen aus, legten die Veranstaltungsorte fest und übernahmen in der Regel die Moderation. Diese Steuerung war aus mehreren Gründen nicht nur legitim, sondern notwendig. Die Erzählcafés dienten einem konkreten wissenschaftlichen Zweck – die Ergebnisse sollten in den Sammelband einfließen. Wir gaben deshalb jene Themen vor, die wir aus der Quellenarbeit als bedeutsam ausmachten und die andernfalls womöglich unbesprochen geblieben wären. Hinzu kam eine fachliche Verantwortung: Als Historiker:innen sahen wir uns in der Pflicht, verzerrenden oder diskriminierenden Aussagen vorzubeugen und im Gesprächsverlauf einordnend einzugreifen, wenn es nötig werden sollte. Gelungene Partizipation braucht einen solchen Rahmen, insbesondere bei öffentlichen Veranstaltungen. Nicht zuletzt wollten wir gezielt jene Stimmen hören, die in den gängigen Erzählungen über die Stadt bislang kaum Gehör gefunden hatten – was eine gewisse Vorauswahl der Gesprächsteilnehmer:innen erforderte.

Geschichtswerkstätten boten hingegen einen lebendigen Resonanzraum für Bürger:innen, die selbst lokalgeschichtlich forschen. In diesem Kreis diskutierten wir das Buchkonzept, Fragestellungen und erste Thesen – und profitierten dabei vom tiefen Ortswissen: von lokalen Erinnerungen, Kenntnissen über Gütersloh und persönlichen Kontakten, die uns neue Quellen und Zugänge eröffneten. Auch abseits des Projektes erweist sich der Austausch in den Geschichtswerkstätten als produktiv. Ein besonders eindrückliches Beispiel war die Diskussion um die Straßenbenennungen in Gütersloh. Eine Arbeitsgruppe erstellte ein umfangreiches Online-Portal, zudem arbeitete eine Schüler:innengruppe zu möglicherweise belasteten Namen. Die Initiativen regten dazu an, sich auch im Sammelband dem Thema über einen kurzen Beitrag zu widmen. Auch die Idee, einen Instagram-Kanal zum Projekt einzurichten, um weitere Zielgruppen zu erreichen, stammte aus der Geschichtswerkstatt. Mit @stadtgeschichten.gt setzten wir diesen Vorschlag um. In 174 Beiträgen gaben wir Einblick in den Forschungsprozess, präsentierten Fundstücke, kontextualisierten Jahrestage, informierten über geschichtsbezogene Veranstaltungen oder baten Zeitzeug:innen um ihre Mithilfe. Dabei erreichten wir bis zu 645 Follower:innen. Trotz einzelner Gastbeiträge und Kommentare überwog jedoch die passive Rezeption: Instagram lädt strukturell eher zum Konsumieren als zum aktiven Mitmachen ein. Die verschiedenen Formate – Erzählcafés, Geschichtswerkstätten, Instagram – haben je eigene Stärken und Reichweiten. Doch in der Zusammenschau zeigten sich die klaren Grenzen. Mit den Veranstaltungen erreichten wir nur einen Bruchteil der Stadtgesellschaft. Gerade der Kreis der aktiv Beteiligten spiegelte nicht die Vielfalt der Stadtgesellschaft wider: Es waren überwiegend ältere, alteingesessene Männer mit bildungsbürgerlich-akademischem Hintergrund – ein Befund, der sich mit Erfahrungen aus anderen Projekten deckt. Migrantische, weibliche und jüngere Perspektiven blieben unterrepräsentiert. Im Wesentlichen beteiligten sich Gütersloher:innen, die sich seit Jahren in der lokalen Kulturarbeit engagieren. Trotz aller Bemühungen um Vielfalt konnte das Projektteam – ohne (familiäre) Migrationsgeschichte, überwiegend männlich und mit durchweg akademischem Hintergrund – diese strukturellen Ausschlüsse in der Gesamtschau nicht überwinden. Es bleibt eine Aufgabe, die Partizipationsangebote kontinuierlich daraufhin zu befragen, welche Stellschrauben angepasst werden müssen, um auch bisher wenig involvierte Gruppen der Stadtgesellschaft einzubeziehen bzw. Anschlusspunkte zu bieten. Letztlich oblag die Konzeption und das Verfassen des Sammelbandes auch ausschließlich den wissenschaftlichen Mitarbeitenden – das Buch ist also kein Citizen-Science-Produkt im engeren Sinne, sondern das Ergebnis einer Zusammenarbeit und eines Austausches mit der Stadtgesellschaft.

 

Was wird von uns erwartet, was leisten wir?

Von Anfang an bewegte sich das Projekt im Spannungsfeld heterogener und teils widersprüchlicher Erwartungen. Die Stadt als Auftraggeberin wünschte sich ein repräsentatives Jubiläumswerk: umfassend, ansprechend und wissenschaftlich. Lokalpolitik und Verwaltung blickten auf die Stadtgeschichte auch als Spiegel eigener Leistungen: Sie erhofften sich Anerkennung, für Vergangenes wie für Gegenwärtiges. Ein Beitrag über die jahrelange Theaterbau-Kontroverse sorgte etwa für Rumoren bei offiziellen Stellen: Die künstlerischen Leistungen würden nicht ausreichend gewürdigt, die Quellen seien fragwürdig, thematisiere der Text doch Meinungen ‚gewöhnlicher‘ Bürger:innen. Die emotional geführte Debatte um das Theater – seinerzeit hatte sie ein erfolgreiches Bürgerbegehren ausgelöst und anschließend war dessen Initiator sogar zum Bürgermeister gewählt geworden – wirkt bis heute nach. Heimische Unternehmen, die die Stadt maßgeblich prägten und ein verfestigtes Wachstums- und Erfolgsnarrativ mitbegründeten, hatten Interesse an einer ‚richtigen‘, tendenziell wohlwollenden Darstellung ihrer Geschichte und ihres Einflusses auf die städtische Entwicklung. Dieses Wachstums- und Erfolgsnarrativ wirkte sich auch auf Ansprüche einer selbstbewussten Stadtöffentlichkeit aus. Geschichtsinteressierte Bürger:innen erwarteten Unterschiedliches: kritische Reflexion und empirische Forschung, zugleich aber auch harmonisierende, identitätsstiftende Darstellungen. Auf Seiten der Forschenden standen wissenschaftliche Differenzierung, methodische Innovation und die Förderung historischen Bewusstseins im Vordergrund. Die vertragliche Absicherung wissenschaftlicher Unabhängigkeit schuf dafür eine notwendige Grundlage. Sie immunisierte jedoch nicht gegen Deutungsansprüche auch von offizieller Seite.

Auf die Publikation des Buches im Mai 2025 folgten schließlich gemischte Reaktionen: Aus der wissenschaftlichen Community kamen wertschätzende Rückmeldungen zur methodischen Herangehensweise und thematischen Breite und Tiefe. Auch viele geschichtsinteressierte Gütersloher:innen äußerten sich anerkennend. Doch es gab auch Kritik: Manchen hatte die Stadtgeschichte zu viel gekostet (600.000 Euro in Zeiten knapper Kassen), war der Buchpreis zu hoch (knapp 40 Euro), anderen kamen bestimmte Themen und Perspektiven zu kurz. Diese Reaktionen waren zu erwarten, sind legitim und verdeutlichen ein grundsätzliches Dilemma: Partizipative Forschung verspricht Teilhabe, kann aber oft nicht alle Erwartungen erfüllen. Der Widerspruch zwischen dialogisch-prozessorientiertem Ansatz während des Forschungsprozesses und produktorientiertem, zumal zeitlich befristetem Auftrag bleibt bestehen.

Dieser Konflikt konnte zumindest zeitweise im Rahmen eines anschließenden Vermittlungsprojektes gelöst werden. Das Projekt Zeit:Punkte erreichte den höchsten Grad an Beteiligung. Bewusst knüpfte es an die Leerstellen und offenen Fragen des Sammelbandes an, inhaltlich wie konzeptionell. Unter methodischer Anleitung und Begleitung des LWL-Instituts für westfälische Regionalgeschichte und des Stadtarchivs Gütersloh entwickelten die Teilnehmenden einen Audiowalk zur Stadtgeschichte Güterslohs nach 1945: Sie wählten dabei aus ihrer Sicht bedeutsame Orte im Stadtraum, besuchten Workshops zum wissenschaftlichen Arbeiten im Stadtarchiv, wählten Schwerpunkte und forschten, konzipierten und diskutierten ihre Texte. Anschließend sprachen sie diese zum Teil selbst im Tonstudio ein. Entstanden sind 16 Stationen, die unterschiedliche Perspektiven auf die Stadtgeschichte einnehmen und gründlich recherchierte Erkenntnisse mit zuweilen persönlichen Erfahrungen und Erinnerungen verbinden. Die Ergebnisse sind auf einer digitalen Karte zugänglich.[3] Über Zeit:Punkte erlernten die Teilnehmenden nicht nur Grundlagen historischen Forschens und der Medienproduktion, sondern trugen auch zur Demokratisierung von Stadtgeschichte und Erinnerungskultur bei. Sie bestimmten mit, welche Geschichten wie erzählt werden – gleichwohl stets mit fachlicher Begleitung. Der örtliche Heimatverein, die städtische Volkshochschule und das Stadtarchiv arbeiten gegenwärtig an der Fortführung des Formats. Das zeigt nicht zuletzt, dass partizipative Projekte auf eine enge Zusammenarbeit mit lokalen Akteur:innen angewiesen sind, wenn es um den Aspekt der Nachhaltigkeit geht.

 

Beteiligung und ihre Grenzen

Für alle Beteiligungsangebote gilt, dass die Beteiligung Einzelner selbst zweifellos strukturell begrenzt bleibt. Diskussionen über aktuelle Forschungsperspektiven, Theorien oder die Einhaltung geschichtswissenschaftlicher Standards waren für nichtakademische Beteiligte oft wenig anschlussfähig – eine Spannung, die sich durch Vermittlung abmildern, aber kaum vollständig auflösen lässt. Wir beobachteten eher eine Mischung aus Fragen der lokalen Identitätsbildung, ereignisgeschichtlichen Rückblicken und kritischen Positionen – ein Mischungsverhältnis, das es erforderte, partizipative Ansätze aufzugreifen, aber auch kritische Abgrenzungen vorzunehmen. Die Involviertheit vieler Partizipierender blieb nicht ohne Reibungen. Wir mussten uns gegenüber etablierten lokalen Deutungsansprüchen behaupten und gleichzeitig jenen Stimmen nachspüren, die in der Stadtgeschichte bislang kaum gehört worden waren. Die räumliche und zeitliche Nähe stellte uns dabei vor eine klassische Herausforderung der Zeitgeschichte – die der eigenen Distanz zum Gegenstand. Dominante Erzählungen wirkten auch auf uns ein. Hinzu kamen forschungsethische Fragen: Wie gehen wir mit persönlichen Geschichten um, die uns anvertraut wurden? Wem gehören erhobene Daten? Wie lässt sich eine faire Repräsentation gesellschaftlicher Gruppen gewährleisten? Und wie nachhaltig wirkt das Projekt über seinen Abschluss hinaus? Einfache Antworten auf diese Fragen gibt es nicht. Doch das Ringen um sie gehört zum Kern verantwortungsvoller und reflexiver Stadtgeschichtsforschung.

Der zentrale Gewinn des Gütersloher Forschungsprojektes liegt aus unserer Sicht im Anstoßen von Reflexionsprozessen, sowohl bei Interessierten aus der Stadtgesellschaft als auch bei den Forschenden selbst. Wir beantworteten die eben aufgeworfenen Fragen also nicht, aber wir schärften den Blick dafür, wie wichtig sie bei der Reflexion von Geschichte sind – vor allem von Geschichte, die bis in die Gegenwart reicht: Wessen Geschichte wird erzählt, und wessen nicht? Wer hat Deutungshoheit? Wie können marginalisierte Stimmen Gehör finden? Dass partizipative Stadtgeschichtsforschung hier Antworten finden kann, zeigt das Gütersloher Projekt zumindest in Ansätzen – und macht deutlich, dass es sich lohnt, diesen Weg weiterzugehen. Die Nutzung verschiedener Beteiligungsformen legte einander teils widersprechende Erzählungen frei und machte Mehrdeutigkeiten sichtbar. Das schlug sich auch in unserem Buch nieder: Statt einer Meistererzählung entstanden vielschichtige Betrachtungen, die dem fragmentierten Charakter lokaler Erinnerungskulturen gerecht zu werden versuchen. Denn es gibt nicht die Gütersloher Geschichte 1945 bis heute, sondern mehrstimmige, teils abweichende Deutungen der Vergangenheit, die bis in die Gegenwart reichen und weiter verhandelt werden. Über den Austausch, die Diskussion, ja auch das Streiten über Lokalgeschichte, über das Anstoßen von Reflexionsprozessen und die Ermunterung, den Gegenstand kritisch aus mehreren Perspektiven zu betrachten, wurden Kompetenzen geschult, die die Grundlage für ein demokratisches Miteinander legen.

 


[1] Christoph Lorke (Hg.), Gütersloh. Geschichte einer Stadt (1945–2025), Bielefeld 2025.

[2] Eine Übersicht über die bisherigen Erzählcafés sowie Videomitschnitte sind zu finden unter https://kulturportal-guetersloh.de/erinnern/erzaehlcafes-2/.

[3] Der Audiowalk ist mitsamt Karte abrufbar.

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Zitation

Joana Gelhart, Christoph Lorke, Tim Zumloh, Mitmachgeschichte und Stadtgesellschaft. Formate und Erfahrungen aus Gütersloh, in: zeitgeschichte|online, , URL: https://www.zeitgeschichte-online.de/themen/mitmachgeschichte-und-stadtgesellschaft