Ausgrabung des Isistempels
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Pietro Fabris, Die Ausgrabungen des pompejanischen Isistempels. Quelle: Wikimedia Commons.

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Pietro Fabris, Die Ausgrabungen des pompejanischen Isistempels. Quelle: Wikimedia Commons.

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Pietro Fabris, Die Ausgrabungen des pompejanischen Isistempels. Quelle: Wikimedia Commons.

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Pietro Fabris, Die Ausgrabungen des pompejanischen Isistempels. Quelle: Wikimedia Commons.

Mehr als Artefakte!

Wie partizipative Archäologie Wohlbefinden und Ortsbindung fördert

Community Archaeology, also archäologische Forschung, die mit, durch und für lokale Gemeinschaften durchgeführt wird, hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten international von einem Randphänomen zu einer zentralen Praxis in der Denkmalpflege und Archäologie entwickelt.[1] Vor allem im Vereinigten Königreich (UK) spielen Community Archaeology sowie gemeindebasierte Denkmalpflege- und Kulturerbe-Projekte eine wichtige Rolle. Sie verbinden archäologische Forschung und Denkmalpflege mit bürgerschaftlicher Teilhabe, Bildungszielen und Gemeinwohlorientierung.[2]  In den letzten zehn bis fünzehn Jahren hat sich hierfür im Vereinigten Königreich eine tragfähige Struktur aus Förderpolitik, Praxisformaten und Evaluationswissen etabliert, die europaweit als Referenz gilt. Trotz dieser positiven Erfahrungen werden in Deutschland jedoch bisher nur wenige Archäologieprojekte mit Bürgerbeteiligung durchgeführt. Die Erfahrungen aus einem dieser Projekte werden im folgenden Beitrag kurz vorgestellt.

 

Community Archaeology und ihr gesellschaftlicher Mehrwert

Community Archaeology versteht sich als kollaborative Forschungspraxis. Lokale Wissensbestände, Prioritäten und Kapazitäten werden nicht nur einbezogen, sondern sind wichtiger Bestandteil der Forschung. Aus der Wirkungsforschung zur Teilnahme an Kultur- und Kulturerbe-Projekten wissen wir, dass solche Formen sinnstiftender Beteiligung mit Facetten des subjektiven und sozialen Wohlbefindens zusammenhängen – von Selbstwirksamkeit und Kompetenz über soziale Verbundenheit bis hin zu Zugehörigkeitsgefühlen, Lebenszufriedenheit und Wohlbefinden.[3]

Nach der Selbstbestimmungstheorie von Deci und Ryan[4] fördern Aktivitäten, die Autonomie (mitgestalten), Kompetenz (etwas können/lernen) und soziale Eingebundenheit, unterstützen damit nachhaltiges Wohlbefinden.[5] Community Archaeology adressiert diese Bedürfnisse durch Mitbestimmung in Forschungsfragen und -methoden, stärkt Autonomie und fördert u. a. handwerkliche, methodische und interpretative Kompetenzen. Derartige Lerngelegenheiten korrelieren mit wahrgenommener Selbstwirksamkeit – einer zentralen Voraussetzung für psychisches Wohlbefinden.[6]  Das gemeinsame Arbeiten im Feld unterstützt außerdem die soziale Eingebundenheit der Teilnehmenden.[7]

Forschungen zu „Place Attachment“ zeigen, dass Menschen sich wohler fühlen, belastbarer sind und sich stärker engagieren, wenn sie eine sinnvolle und gemeinsam geteilte Beziehung zu ihrem Wohn- oder Lebensort entwickeln.[8] Community Archaeology kann dazu beitragen, solche Bindungen zu fördern, weil Menschen ihre Umgebung nicht nur neu entdecken, sondern ihre Geschichte auch gemeinsam erforschen und deuten. Wer gräbt, dokumentiert, interpretiert und erzählt, beschäftigt sich aktiv mit der Beziehung zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Auf diese Weise entstehen Narrative, die die Identifikation mit dem Ort sowie Stolz und Verantwortungsgefühl stärken[9] und im Idealfall sogar in Bildungsarbeit und Stadtentwicklung hineinwirken können, indem bürgerschaftliche Kompetenzen gefördert und kommunale Netzwerke gestärkt werden.[10] Wo freiwilliges Engagement strukturiert begleitet wird, berichten Teilnehmende häufiger über soziale Verstetigungseffekte wie langfristige Bindungen an Vereine, Initiativen oder lokale Museen.[11]

 

Ein schleswig-holsteinisches Dorf erforscht seine Geschichte

Ein anschauliches Beispiel für Community Archaeology in Deutschland ist das Projekt „Schenefeld gräbt aus“, das im Jahr 2022 vom Exzellenzcluster ROOTS der Universität Kiel gemeinsam mit dem Archäologischen Landesamt, der University of Lincoln (UK) und den Bürgerinnen und Bürgern von Schenefeld, einem kleinen Ort mit knapp 3000 Einwohner:innen in Schleswig-Holstein, durchgeführt wurde. Ausgangspunkt war die Vermutung aus früheren Ausgrabungen, dass es sich bei Schenefeld um eine der ältesten kontinuierlich bewohnten ländlichen Siedlungen Schleswig-Holsteins handeln könnte. Ziel des Projekts war es, weitere Hinweise zur Überprüfung dieser Hypothese zu gewinnen und dabei die Bürger:innen miteinzubeziehen. Dem eigentlichen Grabungsprojekt gingen daher zahlreiche Abstimmungen voraus. In Treffen mit dem Bürgermeister, dem archäologischen Verein des Dorfes und den verantwortlichen Archäolog:innen wurden zunächst Zielgebiet und mögliche Grabungsorte festgelegt. Besonders geeignete Flächen wurden gemeinsam ausgewählt. Da sich einige dieser Orte auf Privatgrundstücken befanden, suchte das Projektteam das Gespräch mit den Eigentümer:innen, um deren Zustimmung einzuholen und sie nach Möglichkeit auch für eine Beteiligung zu gewinnen. Um die Einwohner:innen des Ortes über das Vorhaben zu informieren und für ihre Beteiligung zu werben, fand ein weiteres Treffen statt, bei dem auch in archäologische Arbeitsweisen und Methoden eingeführt wurde. Die Resonanz der Bürger:innen war außerordentlich positiv. Viele waren interessiert, und viele wollten sich auch aktiv beteiligen. Im Frühjahr 2022 begann die praktische Arbeit, und 70 Teilnehmende im Alter von 7 bis 82 Jahren legten an zwei Wochenenden insgesamt 31 Testgruben auf öffentlichen Flächen und in privaten Gärten an. Testgruben sind 1 m × 1 m große, von Hand ausgehobene und sorgfältig dokumentierte Gruben, die zur Untersuchung des archäologischen Untergrunds dienen. Mit dieser Untersuchungsmethode kann das Vorhandensein, die Art und die Verteilung archäologischer Fundschichten in einer Landschaft ermittelt werden. Archäolog:innen begleiteten die Arbeiten fachlich und standen den Teilnehmenden beratend zur Seite. Es gab reichlich Zeit für fachlichen und sozialen Austausch bei gemeinsamen Kaffeepausen und einem Abschlussgrillfest. Insgesamt wurden an den zwei Wochenenden mehr als 2.000 Funde geborgen, ausgewertet und anschließend in einer gemeinsamen Veranstaltung mit allen Teilnehmenden und interessierten Bürger:innen ausgelegt und diskutiert.

Die Funde bestätigten eine Besiedlung im späteren ersten Jahrtausend n. Chr., während sich für die erste Hälfte des zweiten Jahrtausends weiterhin eine Fundlücke abzeichnet. Die Grabung in Schenefeld war zeitlich sehr begrenzt, und die Beteiligung der Bürger:innen beschränkte sich auf die Planung und Durchführung der Grabung. Bei zukünftigen, ähnlich angelegten Projekten sollte auch eine Beteiligung an der Analyse der Funde und der Auswertung der Ergebnisse möglich sein.

Bemerkenswert ist jedoch nicht nur der wissenschaftliche Ertrag des Projekts, sondern auch seine soziale Wirkung. Ergebnisse einer Prä-/Post-Befragung zeigen, dass die Teilnahme das Wohlbefinden der Beteiligten positiv beeinflusste.[12] Besonders geschätzt wurde außerdem die Möglichkeit, mehr über die Geschichte des eigenen Dorfes zu erfahren, und zugleich zeigte sich ein positiver Effekt auf die historische Identität der Teilnehmenden.

 

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Teilnehmende des Projekts „Schenefeld gräbt aus“ bei Ausgrabungsarbeiten 2022; Foto: Jan Steffen, Cluster ROOTS ©

 

Community Archaeology – aufwendig, aber lohnenswert

Community-Archaeology-Projekte sind mit besonderen organisatorischen, sozialen und methodischen Herausforderungen verbunden. Da sie wissenschaftliche Forschung mit lokaler Beteiligung verknüpfen, müssen unterschiedliche Interessen, Erwartungen und Wissensbestände zwischen professionellen Archäolog:innen und beteiligten Gemeinschaften abgestimmt werden.[13] Hinzu kommt ein hoher Aufwand für Koordination, Anleitung und Kommunikation, da praktische Feldarbeit, Wissensvermittlung und oft auch öffentliche Präsentation miteinander verbunden werden müssen. Fragen der Mitbestimmung, der Anerkennung lokalen Wissens sowie der Verteilung von Verantwortung können zu Spannungen führen[14] und müssen berücksichtigt werden. Schließlich ist auch die Evaluation solcher Projekte anspruchsvoll, etwa wenn soziale Effekte wie Wohlbefinden, Zugehörigkeit oder historische Identität erfasst werden sollen.[15] „Schenefeld gräbt aus“ zeigt aber, dass solche Projekte gerade mit Blick auf die Akzeptanz von Archäologie und die positiven Effekte für die Gemeinschaft sehr lohnenswert sein können. Die große Resonanz der Bürger:innen und ihre positiven Rückmeldungen zum Wohlbefinden und zur historischen Identität verdeutlichen den Mehrwert partizipativer Archäologie. Es wäre daher wünschenswert, wenn Community-Archaeology-Projekte auch in Deutschland zu einem festen Bestandteil der archäologischen Forschung würden.

 


[1] Katsuyuki Okamura/Akira Matsuda (Eds.), New perspectives in global public archaeology. Springer; New York 2011; Robin Skeates/Carol McDavid/John Carman (Eds.), The Oxford handbook of public archaeology. Oxford University Press, Oxford 2012; Moshenska, Gabriel (Ed.), Key concepts in public archaeology. UCL Press, London 2017; Carenza Lewis/Helen van Londen/Arkadiusz Marciniak/Pavel Vařeka/Johan Verspay, Exploring the impact of participative place-based community archaeology in rural Europe: Community archaeology in rural environments meeting societal challenges. Journal of Community Archaeology & Heritage, 9(4) (2022), S. 267–286.

[2] Dilshaad Bundhoo/Clair Greenaway/Demelza Jones/Alan Marvell/John Powell/Paul Courtney, Evidence enquiry for wellbeing and heritage. Research Report Series 51(2025). Historic England, University of Gloucestershire, Gloucestershire.

[3] Historic England, Wellbeing and heritage strategy 2020–2023. Historic England 2020; Dilshaad Bundhoo/Clair Greenaway/Demelza Jones/Alan Marvell/John Powell/Paul Courtney, Evidence enquiry for wellbeing and heritage. Research Report Series 51(2025). Historic England, University of Gloucestershire, Gloucestershire.

[4] Edward L. Deci/Richard M. Ryan, Intrinsic motivation and self-determination in human behavior. Plenum, New York 1985.

[5]  Richard M. Ryan/Edward L. Deci, Self-determination theory and the facilitation of intrinsic motivation, social development, and well-being. American Psychologist, 55(1)(2000), S. 68–78.

[6]  Albert Bandura, Self-efficacy: The exercise of control. Freeman and Company, New York 1997.

[7]  Barbara J. Little/Paul A. Shackel, Archaeology as a tool of civic engagement. AltaMira Press, Lanham 2007; Gabriel Moshenska (ed.), Key concepts in public archaeology. UCL Press, London 2017.

[8]  Maria Lewicka, Place attachment: How far have we come in the last 40 years? Journal of Environmental Psychology 31(3) (2011), S. 207–230; Leila Scannell/Robert Gifford, Defining place attachment: A tripartite organizing framework. Journal of Environmental Psychology 30(1) (2010), S. 1–10.

[9]  Mike Nevell/Norman Redhead (eds.), Archaeology for all. Community archaeology in the early 21st century: Participation, practice and impact. Salford applied archaeology series (2). University of Salford: Salford, UK 2015.

[10]  Barbara J. Little/Paul A. Shackel, Archaeology as a tool of civic engagement. AltaMira Press, Lanham 2007; Emma Waterton/Laurajane Smith, The recognition and misrecognition of community heritage. International Journal of Heritage Studies 16(1–2)(2010), S. 4–15.

[11] Historic England, Wellbeing and heritage strategy 2020–2023. Historic England 2020.

[12] Katrin Schöps, in Vorbereitung.

[13] Gabriel Moshenska (ed.), Key concepts in public archaeology. UCL Press, London 2017.

[14] Emma Waterton/Laurajane Smith, The recognition and misrecognition of community heritage. International Journal of Heritage Studies 16(1–2)(2010), S. 4–15.

[15] OECD. How’s life? 2015: Measuring well-being. OECD Publishing, Paris 2015; Margherita Musella/Mark Scott, Measuring the impact of arts and culture on wellbeing. The University of Warwick, Warwick 2022.

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Zitation

Katrin Schöps, Mehr als Artefakte!. Wie partizipative Archäologie Wohlbefinden und Ortsbindung fördert, in: zeitgeschichte|online, , URL: https://www.zeitgeschichte-online.de/themen/mehr-als-artefakte